Christie's muss durch die Krise geführt werden
Ed Dolman: Rugbyspieler mit Kunstverstand

Ed Dolman sitzt seit vier Jahren an der Spitze von Christie's. Nun soll er das Aktionshaus durch die Krise im Luxusmarkt steuern.

LONDON. Elegant tunkt Ed Dolman den Finger ins Essen und leckt ihn ab. „Senfsoße“, sagt er hilfreich über den Tisch – unkompliziert, direkt und unprätentiös auch inmitten fast 300-jähriger Tradition. Später schiebt er im feinen Boardroom mit dem langen Mahagonitisch und der edlen Holzvertäfelung die silberne Kaffeekanne beiseite und sagt: „Es stimmt, dass wir seit Jahrhunderten immer dasselbe tun. Aber Stillstand kennen wir nicht. Immer wieder neue Märkte zu entwickeln, das ist unsere Stärke.“

Die riesigen Summen, die heute für Kunst bezahlt werden, haben das alte Gentleman-Geschäft der Auktionsgiganten von Grund auf verändert. „Wir sind signifikante Unternehmen mit enormem Risikomanagement“, sagt Dolman, Chef des traditionsreichen Auktionshauses Christie’s. Für viele Millionensammlungen müssen Verkaufsgarantien gegeben werden, oft ein halbes Jahr vor der Versteigerung. „Der Druck, die Unternehmen professionell zu managen, ist ungeheuer.“ Die Portflasche, die nun eigentlich hätte kreisen müssen, bleibt an ihrem Platz.

Dolman fing vor fast 20 Jahren ganz unten an bei Christie’s, als „Porter“, als einfacher Möbelschlepper. Die Bezahlung war lausig. Der damalige Kunststudent gab sich ein Jahr, um zu sehen, wie weit er kommen würde.

Heute agiert der kraftvoll gebaute, immer noch aktive Freizeit- Rugbyspieler auf leisen Sohlen im dezenten Nadelstreifen in den Hinterzimmern und schafft Vertrauen. Wenn Superkunst versteigert wird, sitzt er zum Beispiel in den abgeschirmten „Sky Boxes“ im New Yorker Rockefeller Centre, wo wohl betuchte Spitzenkunden anonym mit Millionensummen bieten. „Es geht um komplexe Finanztransaktionen, da ist der Chief Executive fast immer beteiligt“, erzählt er.

Als in London vergangene Woche Topkunst für über 40 Millionen Pfund unter den Hammer kam, verfolgte er die Auktion zwei Stockwerke höher am Flachbildschirm in seinem Erkerzimmer, mit Blick auf die King Street in Londons Kunsthändlerviertel St. James. Neben ihm saß Christie’s Alleinaktionär, der französische Einzelhandelskönig François Pinault. War Monsieur Pinault zufrieden? Dolman zögert, bevor er bejaht. Er weiß, dass er nur eine Routineantwort geben kann.

Pinault hatte, seit er den börsennotierten Auktionsgiganten 1999 in Privatbesitz führte, vor allem Verdruss mit Christie’s. Kaum war das Unternehmen gekauft, stiegen die ersten Rauchwolken des Preis-Fixing-Skandals auf, der die Auktionswelt in die schwerste Krise ihrer Geschichte stürzen sollte.

Das war Dolmans Chance. Er wurde am Heiligabend 1999 unter dramatischen Umständen an die Spitze beordert und musste sofort die schwerste Entscheidung seines Lebens treffen. Mit 500 Seiten belastendem Material ging er zum amerikanischen Justizministerium, um mit ihm einen Deal auszuhandeln. Er bot an: die Selbstbezichtigung wegen illegaler Preisabsprachen mit dem Konkurrenten Sotheby’s im Tausch gegen die Hoffnung auf Straffreiheit.

Aus heutiger Sicht lag es auf der Hand, diesen Deal einzufädeln. Aber damals war es für Dolman eine unheimlich harte Entscheidung. Denn es war klar, dass sie riesige Konsequenzen für die ganze Branche haben würde. So setzte das Kartellverfahren mit seinen hohen Strafen den Auktionshäusern zu. Die zyklische Rezession am Kunstmarkt tat ein Übriges und drückte auf Umsatzzahlen und Gewinne.

Dolman musste in seinen vier Jahren an der Konzernspitze die Belegschaft von 2 400 auf 1 800 herunterfahren. Schwer für einen Mann, der gern von Teams spricht und weiß, dass Expertise und Können die einzigen wirklichen Aktivposten eines Auktionshauses sind. Aber dann kommt ihm wieder Rugby in den Sinn: „Es muss auch mal wehtun. Wer Übergewicht hat, wird brutal bloßgestellt.“

Dass Christie’s, anders als Erzkonkurrent Sotheby’s, wieder profitabel ist, liegt an Dolmans zweiter wichtiger Entscheidung. Gegen den Trend richtete er den Blick fest auf das Kerngeschäft und hielt Distanz zum Internet. „Ich sah kein Geschäftsmodell, das uns erlaubt hätte, mit unserem Namen für Ware zu bürgen, die im Internet versteigert wird.“ Konkurrent Sotheby’s musste für sein gescheitertes Internetabenteuer über 50 Millionen Dollar abschreiben.

Wenn es Christie’s heute auch besser geht als manchem Konkurrenten – Dolman weiß, dass Christie’s Zukunft in der Pinault Gruppe alles andere als sicher ist. Pinaults Holding Artemis S.A. drückt eine gewaltige Schuldenlast von rund 4,6 Milliarden Euro.

Doch das scheint Dolman wenig zu belasten. Seine Solidarität gilt nicht dem Alleinaktionär, sondern Christie’s Zukunft. Da bei der Spitzenkunst der Nachschub stockt, sucht er nun Wachstum bei mittelpreisiger Kunst. Kosten sparen, mehr Internet-Marketing, auf internationaler Basis in die Breite gehen, lautet seine Strategie. „Unsere wichtigste Aufgabe ist es jetzt, Antiquitäten wieder zu mehr Ansehen zu verhelfen.“ Sie seien etwas aus der Mode gekommen.

Irgendwo anders arbeiten als bei Christie’s? Das kann sich der 43-Jährige nicht vorstellen, der zwischen den Büros in London, New York und der Artemis-Holding in Paris pendelt und mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in London lebt.

„Wenn mir eines Tages einer auf die Schulter tippt und sagt, Zeit für einen anderen, kann ich mir gut vorstellen, dass ich wieder in einem Lagerhaus sitzen und Möbel katalogisieren möchte“, sagt Ed Dolman und nimmt einen kräftigen Schluck aus seiner Kaffeetasse. „Es wäre schön, wenn Christie’s dann noch einen Platz für mich finden würde.“

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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