Christoph Fay ist Leiter des Konzern-Personalmarketings der Deutschen Lufthansa
Christoph Fay: Unternehmerinteressen brauchen ethisches Grundverständnis

Der Leiter des Konzern-Personalmarketings der Deutschen Lufthansa votiert statt für einen Eid eher dafür, dass Unternehmen sich eine eigene „Verfassung“ geben, in der sie sich verpflichten, immer zum Wohle des Unternehmens und der Gesellschaft zu handeln.

Diverse Skandale in jüngster Vergangenheit haben immer wieder den Ruf nach einer stärkeren Verpflichtung der Wirtschaft für das Gemeinwohl aufkommen lassen. Bei einem Treffen des World Economic Forums in Genf vergangenen September wurde nun der Versuch unternommen, durch eine Art moralische Selbstverpflichtung der Wirtschaft, den ökonomischen Erfolg an das Wohlergehen der Gesellschaft zu binden. Ein Eid ähnlich dem des Hippokrates, soll junge Business School Absolventen dazu verpflichten, nur zum Wohle des Unternehmens, seiner Angestellten, seiner Umwelt und damit auch zum Wohle seiner Mitmenschen zu agieren.

Ob ein solcher Eid dazu führen kann, dass in den Chefetagen nur noch ethische und damit moralisch einwandfreie Entscheidungen getroffen werden, muss reflektiert und sollte diskutiert werden. Die Frage, was ethisch ist und was nicht, wird nicht einfach zu beantworten sein. So dürfte für die Wirtschaft ein Ethikbegriff gelten, der ein Streben nach Gewinn rechtfertigt, solange dieses Streben gegen keine von der Gesellschaft gesetzten Normen verstößt. Nun soll ein Eid dazu führen, dass alle Manager sich auf der ganzen Erde dazu verpflichtet fühlen, nach einem einheitlichen Wertekatalog zu handeln. Wer aber soll diesen Wertekatalog festschreiben? Prof. Cabrera fordert zu recht, dass ein solcher Eid von allen Wirtschaftsordnungen akzeptiert werden müsse. So legt die Europäische Union in ihrer Verfassung fest, dass in Europa eine nachhaltige Entwicklung angestrebt werde, die auf der Grundlage eines ausgewogenen Wirtschaftswachstums und auf einer in hohem Maße wettbewerbsfähigen sozialen Marktwirtschaft basiert.

Kann in einer Übertragung dieser Verfassungsgrundsätze auf andere Staats- und Wirtschaftssysteme nicht auch eine Vereinnahmung eines Regelwerkes in ein anderes gesehen werden? Eine Auslegung dahingehend, dass die westlichen Marktwirtschaften dadurch ihre Wertvorstellungen, und somit auch ihr Wirtschaftssystem allen anderen Wirtschaftsordnungen aufzwängen wollen, kann sicherlich nicht gefolgt werden. Trotzdem sei dieser Einwand gestattet, um zu zeigen, dass eine Diskussion über eine ethische und moralische Verpflichtung von Managern nicht geführt werden kann, ohne dass zuvor ein Konsens über die Vorstellungen von Ethik und Moral getroffen wurden.

Auch die dem Eid zugrunde gelegte These, dass wirtschaftliches Handeln a priori moralische Qualität habe, und damit das Handeln nach grundsätzlichen ökonomischen Gesichtspunkten immer auf einer moralisch und ethisch hochwertigen Stufe stehe, muss näher betrachtet werden. Da jeder versucht Waren günstig einzukaufen, gegebenenfalls zu verarbeiten und möglichst teuer zu verkaufen, können nicht alle in gleichem Maße von diesem Prozess profitieren. Einige werden immer auf Kosten bzw. zum Nachteil anderer Gewinne machen. Unabhängig davon, welchen Ethikbegriff man einer Wirtschaftsordnung zu Grunde legt, auch ein funktionierender Markt wird nicht verhindern können, dass nicht alle Marktteilnehmer vom allgemeinen Wohlstand in gleicher Weise profitieren.

Somit drängt sich die Frage auf, ob sich eine Wirtschaftsordnung überhaupt einen eigenen Normenkatalog schaffen muss, um ein Handeln nach einer einheitlichen Moral zu gewährleisten? So könnten die durch die Verfassung gewährleisteten Normen ausreichen, um ein gerechtes Handeln der Wirtschaft zu garantieren. In der Verfassung und den daraus resultierenden Gesetzen bleibt es jeder Volkswirtschaft selbst überlassen, was sie für moralisch und damit geboten erachtet. Durch Abkommen der UNO bzw. einzelnen stattlichen Zusammenschlüssen wie zum Beispiel der Europäischen Union, wird eine solche Festlegung von Normen auch auf internationaler Ebene vorangetrieben. Somit besteht bereits ein Regelwerk, nach dem sich das Handeln der Wirtschaft ausrichten muss.

Die Kritiker des Eides haben zu recht vorgeschlagen, mehr auf das Vertrauen in den Markt zusetzen, um ein moralischeres Handeln in der Wirtschaft zu gewährleisten. Denn die in der Gesellschaft vorhandenen Moralvorstellungen spiegeln sich im Marktverhalten wieder. So sollte die Aufgabe der wirtschaftswissenschaftlichen Lehranstalten nicht auf eine Verpflichtung ihrer Studenten, zur Ableistung eines Eides reduziert werden. Vielmehr sollte den angehenden Managern das Potential vor Augen geführt werden, dass in einer von Moral und Ethik geleiteten Wirtschaftsordnung liegt. Unternehmen mit motivierten Mitarbeiter werden Krisensituationen immer einfacher bewältigen können, da ihre Mitarbeiter aufgrund ihrer Zufriedenheit und der daraus resultierenden Bindung an den Arbeitgeber auch bereit sein werden, eigene Opfer zu bringen, um die Krisensituation zu bewältigen.

Ein auf Dauer angelegtes Unternehmenskonzept, dass auch noch der nachfolgenden Generation eine Gewinnmöglichkeit bietet, schafft Kundenvertrauen und dient somit den eigenen Unternehmenszielen. In diesem Zusammenhang sind auch die Aktivitäten der Corporate Citizienship wie zum Beispiel der „Initiative der Wirtschaft für mehr Beschäftigung“ zu sehen, durch die deutlich wird, dass auch für die Wirtschaftsunternehmen die gesellschaftlichen Probleme von Bedeutung sind. Hier kann durch ein vernünftiges Handeln Vertrauen gewonnen werden, das zu einer staatlichen Deregulierung führen sollte. Denn übertriebenes Gewinnstreben findet heute seinen Grenzen in einer staatlichen Regulierung des Wirtschaftssektors.

Sobald die Gesellschaft aber erkennt, dass sich auch die Arbeitgeberinteressen mit einer nachhaltigen und für alle sozialen Wirtschaftsordnung decken, werden ökonomische Positionen leichter vertretbar sein, ohne das wieder der Ruf nach einem staatlichen Eingriff laut wird. Ein in allen Führungsebenen diesbezüglich vorhandenes Bewusstsein wird zu einem normgerechteren Handeln der gesamten Wirtschaft führen. Die dargestellten Probleme haben aber gezeigt, dass ein bloßer Eid zu keiner gerechteren Wirtschaftsordnung führen wird. Auch das reine Vertrauen in den Markt oder in staatliche Normen wird immer wieder dazu führen, dass noch durch das Gesetz gerechtfertigte Maßnahmen getroffen werden, die nach einem allgemeinen ethischen Grundverständnis nicht mehr zu akzeptieren sind.

Vielmehr müssen wir die Akteure in ihrem Grundwerten erreichen. Deshalb sollte unsere Überlegungen dahin gehen, dass die Unternehmen sich eine eigene „Verfassung“ geben, in der sie sich verpflichten, immer zum Wohle des Unternehmens und der Gesellschaft zu handeln. Der Vorteil gegenüber dem Eid ist, dass somit alle Beschäftigten im Unternehmen den dort festgelegten Grundsätzen verpflichtet sind, und dadurch auch eine Sanktionsmöglichkeit besteht, sobald gegen die festgelegten Grundsätze verstoßen wird. Sicherlich wird die Ausarbeitung eines solchen Normenvertrags Schwierigkeiten bereiten.

Auch die rechtliche Qualität einer solchen „Präambel“ muss noch erörtert werden. Gut denkbar ist auch eine gelebte und akzeptierte auf Werten beruhende Firmenkultur, ohne dass es eines verfassten Normenkataloges bedarf. Eine durch einen ethischen Normenvertrag gewährleistete oder praktisch gelebte Unternehmensphilosophie wird Vertrauen schaffen. Der Staat sollte es durch Zugestehen eines größeren Handlungsrahmens belohnen.

Der Idee eines Eides muss gedankt werden, dass sie den Grundstein für eine breite Diskussion über eine moralischere Wirtschaftsordnung gelegt hat. Sie sollte das Bewusstsein aller Akteure schärfen, wo die Grenzen normgerechten wirtschaftlichen Handelns liegen.

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