Christoph Mohn
Der andere Bertelsmann

Christoph Mohn hält Lycos am Leben – und ist trotzdem nicht wohl gelitten. Lycos existiere nur deshalb noch, ätzen seine Kritiker, weil Mohn eben der Sohn von Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn und dessen Frau Liz sei.

BERLIN. Ein schwarzer Labrador ist der treueste Begleiter für Christoph Mohn. Auch bei der Bilanzpressekonferenz von Lycos, dessen Logo ein Labrador ziert, im Frankfurter Arabella Sheraton flankierte kürzlich der Edelhund aus Kunststoff den Weg des Großaktionärs und Vorstandschefs des Internetunternehmens Lycos Europe. Der Saal ist dürftig gefüllt, nur wenige Analysten und Journalisten sind angereist. Lycos Europe operiert längst unterhalb des Radars der großen Banken. Kein Analyst eines großen Geldinstituts in Deutschland hat den Wert noch unter Beobachtung. Der Börsenkurs pendelt seit Monaten um einen Euro, gerade mal ein Vierundzwanzigstel der Erstnotierung im Frühjahr 2000. „Mit dem aktuellen Stand des Aktienkurses sind wir nicht zufrieden“, sagt Mohn offenherzig.

Es ist Wasser auf die Mühlen seiner Gegner, und davon gibt es reichlich. Lycos existiere nur deshalb noch, ätzen sie, weil Mohn eben der Sohn von Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn und dessen Frau Liz ist. Und weil deshalb niemand bei Bertelsmann wage, das Internetportal, das mehrheitlich den Güterslohern und dem spanischen Telefonkonzern Telefónica gehört, abzuschießen. Nur deshalb sei Mohn der dienstälteste CEO eines Internetunternehmens. Seit der Gründung des Europaablegers von Lycos vor acht Jahren führt er die Geschäfte. Immerhin hat der 40-Jährige aber etwas geschafft, was diese Feinde ihm nicht zutrauten:

Erstmals in der Firmengeschichte rutschen die Zahlen von Lycos Europe ins Plus. Und das mit dem noch immer gleichen Einnahmenmix aus Onlinewerbung, Internetzugängen und kostenpflichtigen Diensten. Es wird auch langsam Zeit für Gewinne: Rund eine halbe Milliarde Euro aus dem Börsengang sind verbrannt, in der Kasse sind noch 100 Millionen. „Die liquiden Mittel reichen für Zukäufe völlig aus“, meint Mohn. Im vergangenen Jahr verbrauchte sein Unternehmen 20 Millionen Euro. Für Mohn eine exzellente Nachricht: „Ich bin von der Zukunft von Lycos Europe überzeugt. Wir werden in diesem Jahr erstmals schwarze Zahlen schreiben.“ Das freut auch den Mutterkonzern, der heute seine Zahlen vorlegt.

In den vergangenen Monaten hatte es Spekulationen gegeben, Christoph Mohn könnte in den Bertelsmann-Vorstand wechseln. Bereits im August 2007 gibt Gunter Thielen seinen Chefposten bei Bertelsmann auf. Als Kronprinz für Thielens Nachfolge wird Hartmut Ostrowski, Chef des Mediendienstleisters Arvato, gehandelt. Der bescheidene, zurückhaltende Lycos-Chef beteuert aber, dass es ihn nicht ins Vaterhaus treibt: „Es gibt keine Überlegungen bezüglich eines Wechsels in den Bertelsmann-Vorstand. Mir macht die Arbeit bei Lycos Europe sehr großen Spaß.“

Immerhin scheint Bertelsmann das Onlinegeschäft wieder zu entdecken. Zwischenzeitlich war Internet in Gütersloh ein Unwort, zu sehr steckte der tiefe Fall unter Ex-Chef Thomas Middelhoff in den Knochen. Nun aber treiben sowohl Arvato als auch die Direct Group, in der die Buch-, DVD- und Musikklubs gebündelt sind, das Webgeschäft voran. Internet ist bei Bertelsmann wieder salonfähig geworden. Für Christoph Mohn ist das eine gute Nachricht. Schließlich ist Bertelsmann Gesellschafter bei Lycos.

Beim anderen Großaktionär ist der Geduldsfaden bereits gerissen. Telefónica wolle bei Lycos aussteigen, sobald ein Kaufinteressent gefunden ist, berichtet ein Insider. Anregungen oder Hilfe kommt aus Madrid für Mohn sowieso nicht. „Die verhalten sich wie ein Finanzinvestor“, heißt es in Unternehmenskreisen. Der starke Mann im Hintergrund ist Lycos-Aufsichtsratsvorsitzender Jürgen Richter. Der frühere Chef des Axel-Springer-Konzerns hat dafür gesorgt, dass Mohn die Personalkosten kräftig gedrückt hat. Allein in den vergangenen zwölf Monaten strich der Betriebswirt, der auch mal bei der Unternehmensberatung McKinsey in Düsseldorf war, über 200 Arbeitsplätze. Auch wenn er sich mit seinen Mitarbeitern noch ganz im Stil der längst beerdigten New Economy duzt, tritt der Unternehmersohn auf die Kostenbremse bis zum Endanschlag.

Lycos ist für Mohn längst keine Spielwiese mehr, sondern eine unternehmerische Bewährungsprobe. Doch im Gegensatz zu seiner Mutter Liz drängt sich der Sohn nicht ins Scheinwerferlicht und auf den roten Teppich. Mohn ist bescheiden und uneitel. Mit seiner Frau Shobhna, einer aus Indien stammenden Mathematikerin, die als Investor-Relations-Expertin unter Bertelsmann-Finanzvorstand Thomas Rabe arbeitet, leben die Mohns zurückgezogen am Stadtrand von Gütersloh.

Bei der Konzernmutter Bertelsmann spielt Christoph Mohn neben seinen Eltern und seiner Schwester Brigitte dennoch eine wichtige Rolle im Hintergrund. Er ist Mitglied in der einflussreichen Verwaltungsgesellschaft (BVG). Dieses Gremium kontrolliert 75 Prozent der Anteile des Gütersloher Mediengiganten. Hier fallen alle wichtigen Entscheidungen.

Angesichts des bevorstehenden Börsengangs, den Mitgesellschafter Albert Frère und seine Finanzgesellschaft Groupe Bruxelles Lambert (GBL) verlangen, spielt die BVG für die weitere Strategie von Bertelsmann die entscheidende Rolle. Mit der Börse hat Christoph Mohn in den vergangenen sechs Jahren genug Erfahrungen gesammelt.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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