Christopher Pleister
Der unverstandene Genosse

Christopher Pleister lernt zur Zeit eifrig Französisch. Das braucht er, um auf dem fremden Brüsseler Terrain nicht die Orientierung zu verlieren. In Europas Hauptstadt hat der Chef des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken jetzt häufig zu tun.

BRÜSSEL. Christopher Pleister ist neuer Präsident des europäischen Dachverbandes der Genossenschaftsbanken (EACB) sowie des europäischen Zentralausschusses der Kreditwirtschaft (EBIC) und hat jetzt häufig in Brüssel zu tun.

Gestern war wieder so ein Brüssel-Tag im Terminkalender des obersten Kreditgenossen. Pleister leitete eine Strategie-Tagung seines Verbandes. Geladen waren hohe EU-Funktionäre und Abgeordnete aus dem Europaparlament. Es ging darum, den Gestaltern der EU-Politik das, wie Pleister formuliert, „besondere Geschäftsmodell“ der Genossenschaftsbanken zu erläutern.

Aufklärungsarbeit ist aus Sicht des Verbandschefs dringend nötig. Denn die Kreditgenossen haben ein Problem in Brüssel: Die Europäische Kommission will einfach nicht verstehen, welche Bedeutung Genossenschaftsbanken für lokale Märkte und für die mittelständische Wirtschaft haben. Ihre besondere Rechtsform und ihr Auftrag ist den herrschenden Marktliberalen in der Brüsseler Behörde fremd – „obwohl in der EU 4 500 Genossenschaftsbanken 20 Prozent des gesamten Marktvolumens erwirtschaften“, ärgert sich Pleister.

Doch EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy teilte den Kreditgenossen kürzlich unumwunden mit, er glaube nicht an lokale, sondern nur an globale Märkte. „Ziemlich schockiert“ sei er über diese Aussage gewesen, erzählt der neue EACB-Chef. Gestern verkündete Christopher Pleister seine Gegenthese. Den Genossenschaftsbanken komme auf der regionalen Ebene eine zentrale Rolle zu, lautet sein Credo.

Das zweite Problem: Neelie Kroes, die EU-Wettbewerbskommissarin. Die Niederländerin untersucht derzeit die Verbundstrukturen der Genossenschaftsbanken und Sparkassen. Aus Sicht des Verbandschefs besteht dazu überhaupt kein Anlass, jedenfalls was seine eigene Bankenfamilie angeht. „Wir genießen keinerlei staatliche Privilegien und sind weder für die Konsolidierung des Bankenmarktes, noch für den Wettbewerb ein Hindernis“, sagt Pleister. Es missfällt dem 58-Jährigen, bei Problemen mit der EU-Kommission immer im gleichen Atemzug mit den öffentlich-rechtlichen Instituten genannt zu werden.

So suchen die Genossenschaftsbanken in Brüssel derzeit eifrig nach Verbündeten. Zur gestrigen Strategie-Tagung kam die für Regionalpolitik zuständige polnische EU-Kommissarin Danuta Hübner. Ihr hat Pleister erläutert, dass gute Regionalpolitik am besten von genossenschaftlichen Strukturen begleitet werde. Außerdem soll Hübner in den neuen osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten für das Modell der Genossenschaftsbanken werben. Denn in einigen ehemaligen Ostblockländern können sich die genossenschaftlichen Banken bislang noch gar nicht entfalten, weil die Rechtsform nach altem Sozialismus riecht und nicht zugelassen ist.

Sein Hauptaugenmerk will der neue EACB-Präsident zunächst auf die Untersuchung der Wettbewerbsbehörde richten. „Ganz unaufgeregt“ wolle er der niederländischen Kommissarin seine Argumente erläutern. Ob Kroes auch zuhört? Pleister gibt die Hoffnung nicht so schnell auf. Immerhin: Kroes hat ein Konto bei der niederländischen Rabobank, einem genossenschaftlichen Kreditinstitut.

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