Cityboy Geraint Anderson
„Gier, Rücksichtslosigkeit und Raffinesse“

Der Skandalhändler Kweku Adoboli ist verurteilt worden. Doch Betrug und Trickserei gehören zum Alltag in den Finanzvierteln, meint Geraint Anderson. Der Ex-Banker hat das Buch „Cityboy“ über seine Arbeit geschrieben.
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Handelsblatt: Wegen Betrugs wurde der frühere UBS-Händler Kweku Adoboli gerade verurteilt. Die gesamte Branche steht unter dem Verdacht, einen wichtigen Marktzinssatz manipuliert zu haben. Sind sie überrascht angesichts dieser Entwicklungen?
Geraint Anderson: Diese Form der Manipulation des Libor-Zinssatzes habe ich nicht erwartet. Aber im Prinzip bin ich nicht überrascht. Cityboys tun alles, was sie können, um schnell Geld zu machen. Moral und Ethik bleiben da außen vor.

Haben Sie so etwas in früheren Zeiten als Bank-Mitarbeiter auch selbst erlebt?
Die Art der Manipulation, die ich in meiner Zeit als Aktienhändler erlebt habe, ging mehr in eine andere Richtung: Man kauft Aktien eines bestimmten Unternehmens, setzt Gerüchte über eine mögliche Übernahme in die Welt und verkauft die Aktien, sobald der Kurs wegen der Übernahmespekulationen gestiegen ist. „Pump and dump“ haben wir das genannt. Eine andere Form von Manipulation ist der „Bear Ride“. Man erzählt jedem vor der bevorstehenden Gewinnwarnung eines Unternehmens, dessen Aktien wir über Leerverkäufe veräußert haben.

Und Sie haben mitgemacht?
Ja. Irgendwann habe ich aber angefangen, eine Kolumne über die Vorgänge in der City und später ein Buch zu schreiben. Ich war so entsetzt war über den Mangel an ethischen Maßstäben in der Branche. Ich komme aus einer eher linken Familie. Und ich bin zu dem Punkt gekommen, dass ich für das falsche Team spiele. Was ich erlebte, kam einem großen Casino gleich, um es mal klischeehaft zu beschreiben.

Wer hat Ihnen die nötigen Tricks beigebracht?
Man kann so etwas nicht zu offen machen, denn es gibt natürlich Regulatoren und Aufseher. Aber es gibt diesen grundsätzlichen Ethos: Man fragt nicht nach, wie die Gewinne entstehen. Man geht nicht in die Finanzbranche, um die Welt zu verbessern oder um sich zu verwirklichen. Man arbeitet in der City, um schnell Geld zu machen. Es gibt dort diese Mentalität, dass man um jeden Preis gewinnen muss. Dazu gehört es, die Regeln zu brechen oder zumindest bis zum Äußersten auszureizen. Der einzige echte Fehler, den man in der City begehen kann, ist, sich dabei erwischen zu lassen.

Wie sind ihre Kollegen damit umgegangen? Wurde darüber offen geredet?
Über das meiste wurde geschwiegen. Man prahlt schließlich nicht mit kriminellen Dingen. Das könnte einen ja den Job kosten. Was man auf jeden Fall sicherstellen musste, war die Risiko-Analyse, bevor man etwas unternahm. Wenn das Risiko, erwischt zu werden, niedrig erschien und der mögliche Ertrag eines Deals sehr hoch, entschied man sich für den Deal. Nehmen wir mal das Beispiel Insiderhandel: Aus den Statistiken der Aufsichtsbehörden geht hervor, dass 30 Prozent aller Aktienkäufe verdächtige Kursbewegungen vorausgegangen waren. Aber in der Regel passiert nichts. Das zeigt: Man kann viel Geld durch Insiderhandel machen, ohne erwischt zu werden.

Wer macht einen auf solche Möglichkeiten aufmerksam? Die älteren Kollegen, die Chefs?
Ja, so funktioniert es manchmal. Die Älteren klären die Jüngeren über die verschiedenen Tricks auf. Manchmal lernt man auch einfach von den Kollegen. Der eigentliche Grund, warum wir diese Probleme in der Branche haben, ist doch das enorme Konkurrenzdenken und die Belohnung, die am Ende winkt.

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  • Wer Banker mit Ä schreibt, den kann ich leider nicht ernst nehmen...

  • Die Entwicklung unserer Wirtschaft zum Haifischbecken der skupellosen Täuscher stammt wie vieles, was mit Betrügereien am Laufband zu tun hat, vor allem aus den Vereinigten Staaten und der dort vorherrschenden kranken Mentalität des rücksichtslosen Wirtschaftens. Und wer glaubt, dass es nur die Finanzbranche betraf, der irrt. Nach Jahrzehnten in den grössten Unternehmen der Consultingbranche weiss ich mit rückblickender Bitterkeit wovon ich spreche. Verlorene Lebenszeit!

  • Selbst Schuld .Wir sind alle schuldig denn das Geld mit dem die Zocker-Bänker ihre zweistellige Erträge erzielen ist das Geld das wir ihnen anvertrauen für 5 oder 6% Rendite.Was der gutgläubige Kleinanleger nicht sieht ist folgendes :der Bänker hat mit siener Entlohnung ,Boni,Stock-Options kurtzfristig ausgesorgt , der Otto-Kleinanleger bekommt kurtzfristig 5% wird aber lanzeitig geprellt .Dazu trägt er noch bei das System das ihm seine tägliche Existenz sichert in Gefahr zu bringen. Gibt es einen Ausweg ? Ich glaube nicht :dazu ist die allgemeine Bildung in Finanzbelangen ungenügend und sind die Finanzmakler viel zu schlau.

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