Claude Schmit
Stahlmann verkauft Träume

Der ehemalige Industriemanager Claude Schmit ist zum dienstältesten Fernsehchef Deutschlands aufgestiegen. Jetzt steht er beim Kindersender Super RTL vor seiner größten Bewährungsprobe.

CANNES. Frühmorgens kauft Claude Schmit für seine Kollegen Baguettes und Croissants in seiner Stamm-Boulangerie in Cannes. Nach dem Frühstück in der angemieteten Wohnung schwärmt seine Mannschaft aus, um auf Europas größter Film- und Fernsehmesse MipTV neue Serien und Shows einzukaufen.

Der Frühstücksdienst ist typisch für den Teamspieler Claude Schmit, aber ungewöhnlich für einen Topmanager. Denn der 49-Jährige ist Chef von Super RTL. Und ungewöhnlich lange hält er sich schon an der Spitze des Kindersenders: zehn Jahre. In der schnelllebigen TV-Branche ist er der dienstälteste Senderchef in Deutschland.

Schmit liefert den beiden Gesellschaftern von Super RTL, dem US-Konzern Disney und dem deutschen Medienkonzern Bertelsmann, gute Zahlen. Nach Angaben von Brancheninsidern erzielte der Sender, der auf Platz eins vor der ARD-Tochter Kinderkanal und der Viacom-Tochter Nick liegt, im vergangenen Jahr einen Rekordumsatz von 125 Millionen Euro. Die Umsatzrendite soll knapp über 20 Prozent liegen, obwohl der deutsche TV-Werbemarkt im zweiten Halbjahr dramatisch abstürzte. Offiziell schweigen die Mutterkonzerne zu den Bilanzen der einzelnen Sender. Schmit sagt nur: „2008 war für uns eines der besten Jahre seit Gründung des Senders.“

Doch nun brechen für die Fernsehbranche schwere Zeiten an. Auch Super RTL spürt die Zurückhaltung großer Werbekunden wie Mattel oder Hasbro. „Wir erwarten einen Rückgang bei den Werbebuchungen von zehn bis 20 Prozent“, prognostiziert Schmit und handelt: „Wir sparen am Programm und verschieben zum Teil Aufträge in das nächste Jahr.“

Der Druck der Gesellschafter auf Schmit ist groß, weiter überdurchschnittliche Ergebnisse zu liefern. Denn das bislang so lukrative Fernsehgeschäft ist der Gewinnbringer bei Bertelsmann und Disney, und daran soll sich nach dem Willen der Eigentümer trotz Rezession und Werberabattschlacht nichts ändern. Allein Super RTL erzielte bislang höhere Erlöse als das gesamte China-Geschäft von Europas größtem Medienkonzern Bertelsmann.

Trotz des Erwartungsdrucks bleibt der gebürtige Luxemburger gelassen. Das liegt wohl auch daran, dass er schon in vielen Branchen gearbeitet hat. So war er unter dem Diktator Jean-Claude Duvalier auf der bitterarmen Karibikinsel Haiti im Auftrag der Vereinten Nationen Wirtschaftsberater. Er war Forschungsassistent an einer Universität in Tokio und kümmerte sich beim Luxemburger Stahlriesen Arbed um das Marketing und später von New York aus um das Lateinamerikageschäft. „Früher habe ich Stahlträger verkauft, heute verkaufe ich Kinderträume“, sagt Schmit, der sechs Kinder erzieht.

Er muss auch damit leben, dass Disney und Bertelsmann bei Super RTL nicht immer an einem Strang ziehen. Während Disney gern die eigenen Programme teuer an die eigenen Töchter verkauft, legt Bertelsmann großen Wert auf eine enge Verzahnung mit eigenen Sendern wie RTL und Vox. „Schmit ist ein Diplomat“, sagt ein Kollege über den studierten Juristen und Kriminologen, der für seine Zuversicht bekannt ist.

Doch die Zahlen verliert der Sohn eines Luxemburger Bankers bei aller Lockerheit nicht aus den Augen. „Wenn die Bilanz nicht stimmt, nützt die ganze Diplomatie nichts“, sagt der Wahl-Kölner nüchtern. Deshalb treibt er seine 120 Mitarbeiter in der Werbekrise an, die Zusatzgeschäfte außerhalb der klassischen Reklame auszubauen. Schon jetzt erwirtschaftet Super RTL ein Viertel seiner Erlöse über das Internet, Merchandising oder Events und ist Vorbild für die Schwesterkanäle der RTL-Gruppe.

Aber bei allem sieht sich Schmit in der Rolle des Moderators. So überlässt er das Einkaufsgeschäft auf der Filmmesse in Cannes, die vergangene Woche zu Ende ging, lieber seinen Programmchefs Carsten Göttel und Frank Dietz. „Schmit ist ein Meister des Delegierens“, sagt eine Mitarbeiterin und lächelt über die Kontrollfreaks bei der Konkurrenz.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%