Claus Weselsky
Wechsel in rasanter Fahrt

Claus Weselsky übernimmt im Bahn-Tarifstreit bei der Lokführer-Gewerkschaft die Macht - und schlägt gleich harte Töne an. In der Auseinandersetzung mit dem Unternehmen geht es auch für ihn selbst um viel.

BERLIN. Der neue starke Mann bei der Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL) heißt Claus Weselsky – zumindest während der nächsten drei Wochen. So lange nämlich dauert die Kur, die GDL-Chef Manfred Schell am Dienstag angetreten hat.

Schells Stellvertreter Weselsky steht vor einer wichtigen Bewährungsprobe. Er übernimmt in einer äußerst schwierigen Situation, bei voller Fahrt, vorübergehend das Steuer. Damit hat der Mann mit dem markanten Schnauzbart die Chance, sich für die Schell-Nachfolge im kommenden Jahr zu profilieren.

Gestern schlug Weselsky gleich harte Töne an: Er rief die Gewerkschaftsmitglieder für den heutigen Donnerstag zum Streik auf. Hoffnungen der Bahn, unter der Federführung Weselskys könnte der Konflikt an Schärfe verlieren, sind damit zunächst geplatzt. Beobachter hatten die komplizierte Lage im Tarifstreit zwischen Bahn und GDL oft mit dem Hinweis erklärt, das Verhältnis zwischen Bahn-Chef Hartmut Mehdorn und GDL-Chef Schell sei zerrüttet. Mehdorn und Schell könnten niemals zu einer Lösung finden. Offensichtlich hat es die Bahn mit Weselsky nun auch nicht leicht.

Für Weselsky geht es um sehr viel. Wenn der heute 64 Jahre alte GDL-Chef Schell im Mai kommenden Jahres in den Ruhestand geht, will Tarifexperte Weselsky seine Nachfolge antreten. Die Chancen stehen gut. Weselsky hat sich in der GDL einen hervorragenden Ruf erarbeitet. In Gewerkschaftskreisen heißt es, er sei pragmatisch, umgänglich und weniger emotional als Schell.

Weselsky ist wie der amtierende Chef gelernter Lokführer. Der im Februar 1959 geborene Dresdner schloss 1977 in der DDR eine Lehre als Schienenfahrzeugschlosser und Lokomotivführer ab. Bis 1992 blieb er im Job, zuletzt als Personaldisponent und Lokleiter in Pirna. Wie viele seiner Kollegen bei der damaligen DDR-Staatsbahn, der „Reichsbahn“, trat er nach der Wende in die GDL ein. Schnell arbeitete sich der Vater eines erwachsenen Sohnes bis in den Vorstand vor. Im Jahr 2006 wurde er stellvertretender Bundesvorsitzender, zuständig für die Tarif- und Sozialpolitik. Unter seiner Ägide entstand auch der Entwurf für einen Fahrpersonaltarifvertrag, den die GDL nun mit allen Mitteln durchsetzen will.

Ob Weselsky allerdings während der kommenden drei Wochen völlig frei schalten und walten kann, bleibt abzuwarten. Gewerkschaftschef Schell dürfte es sich nicht nehmen lassen, zumindest gelegentlich zum Telefon zu greifen, um den Lauf der Dinge in seinem Sinne zu beeinflussen. Die GDL ließ gestern außerdem keinen Zweifel daran, dass Schell seine Kur abbrechen könnte, wenn die Lage es erforderlich mache.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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