Colin Powell konnte im Kabinett keine Impulse mehr geben
Braver Soldat bis zum Schluss

Die Haare wirkten noch ein bisschen grauer als sonst, die Falten etwas tiefer. Am Montag um 9.45 Uhr kam US-Außenminister Colin Powell durch den Nord-Eingang des Weißen Hauses, stieg in die Lincoln-Limousine und fuhr davon. Zuvor hatte er bei Präsident George W. Bush offiziell seinen Rücktritt eingereicht.

HB WASHINGTON. Gegenüber seinen engen Mitarbeitern sprach Powell von einer „Entscheidung im gegenseitigen Einvernehmen“, die schon seit Monaten diskutiert worden sei.

Auch in der bitteren Stunde des Abschieds bewies der 67-Jährige soldatische Pflichterfüllung. Eine Eigenschaft, die ihn während seiner gesamten Amtszeit prägte. Die Weltöffentlichkeit konnte Powells Loyalität bis zur Selbstverleugnung am 5. Februar 2003 mit erleben: In seiner Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen spielte Powell den Chef-Ankläger gegen Saddam Hussein. Er lieferte Argumente für einen Krieg, den er aus tiefstem Herzen ablehnte.

Der Außenminister führte von Beginn an einen Kampf auf verlorenem Posten. Der „Watergate“-Enthüller Bob Woodward schildert in seinem neuen Buch „Plan to Attack - Angriffsplan“, wie Powell Bush mehrmals vor einer Invasion gewarnt hatte: „Wenn Sie da reingehen, werden Sie die Probleme des Landes nicht mehr los“, soll Powell gesagt haben. Der Präsident hat die Mahnungen offensichtlich in den Wind geschossen. Am 11. Januar 2003 habe er Vizepräsident Dick Cheney, Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sowie den saudischen Botschafter Prinz Bandar informiert, schreibt Woodward. Powell sei hingegen erst zwei Tage später eingeweiht worden. Er habe dann zwar leise Bedenken angemeldet, am Ende aber die Hacken zusammengeschlagen. „Herr Präsident, ich bin auf Ihrer Seite“, habe er gesagt. Powells Skepsis gegenüber einem Militär-Angriff mag an seiner Fronterfahrung gelegen haben. Er hatte als Einziger im Führungszirkel die Abscheulichkeiten des Krieges hautnah erlebt. Als Generalstabschefs dirigierte er den Golfkrieg 1991, warnte Präsident George Bush senior jedoch vor einem Marsch auf Bagdad. Seine „Powell-Doktrin“ wurde zu einem Klassiker. Ihre Eckpunkte: Klare Strategie, volle militärische Stärke, schneller Abzug.

Im gegenwärtigen Irak-Konflikt konnte Powell hingegen keine Spuren hinterlassen. Immer wieder wurde er von Hardlinern wie Cheney oder Rumsfeld ausgebremst. Powell war populär wie kein anderer, aber wirkungslos. Zwar rissen seine Drähte zu Kriegs-Kritikern wie Außenminister Joschka Fischer nie ab - selbst auf dem Höhepunkt der transatlantischen Krise nicht. Doch den Takt der Außenpolitik gaben die Bannerträger von „Amerikas neuer Stärke“ vor. Powell war zum Schluss nur noch das Feigenblatt einer traditionellen Bündnis-Struktur, die längst nicht mehr funktionierte.

Kein Wunder, dass im Frühjahr die Gerüchteküche überkochte: Den Außenminister ziehe es an die Weltbank, berichteten „Washington Post“ und „New York Times“. Bei dem internationalen Kreditgeber könne er seine multilateralen Instinkte ausleben, hieß es. Der Vertrag von Weltbank-Chef James Wolfensohn läuft im Juni 2005 aus.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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