Commerzbank
Martin Blessing: Ein Pragmatiker räumt auf

Für Commerzbank-Chef Martin Blessing ist die Staatsfinanzierung zu einem Risikofaktor geworden. Analysten sind sich einig: Müsste der Vorstandsvorsitzende nochmals beim Bund die Hand aufhalten, wäre er nicht mehr zu halten. Genau das aber könnte gerade in der jetzigen Situation sein Vorteil sein.

FRANKFURT. Commerzbank-Chef Martin Blessing ist ein pragmatischer Mensch. "Sie können immer nur auf Grundlage der Informationen entscheiden, die Sie zum Zeitpunkt einer Entscheidung haben", sagte er kürzlich im kleinen Kreis.

Keine Frage, diese Aussage ist richtig. Und womöglich hat sich auch in Sachen Eurohypo der Informationsstand jüngst verändert, zumal die Welt seit der Pleite von Lehman Brothers Mitte September bekanntlich eine gänzlich andere ist. Dass es sich bei der Sparte Staatsfinanzierung keineswegs um ein Steckenpferd des 45-jährigen Bremers handelt, ist ohnehin klar. "Den Bereich wird es noch geben, wenn auch weniger groß", kündigte er schon im Sommer 2008 bei der Verkündung der Dresdner-Bank-Übernahme an.

Letztere bringt den Ex-McKinsey-Partner kräftig ins Rudern. Mittlerweile musste sich Blessing, der aus einer traditionsreichen Bankerfamilie stammt, bereits zweimal Kapital beim Bund besorgen. Der hat über den Finanzmarktstabilisierungsfonds Soffin 18,2 Mrd. Euro in Deutschlands zweitgrößte Bank gesteckt und hält nun sogar eine Sperrminorität von gut 25 Prozent.

Mit der Integration der Dresdner Bank inmitten der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten haben Blessing und seine Führungsmannschaft eine Mammutaufgabe vor sich. Was läge näher, als sich zumindest von einer anderen Baustelle - der Staatsfinanzierung - zu befreien? In dieser schlummern nämlich spätestens seit der Übernahme der Essen Hyp immense Risiken. "Praktisch waren die Essener fast pleite, als sie gekauft wurden", sagt ein Insider.

Für Blessing ist die Staatsfinanzierung damit zu einem Risikofaktor geworden. Analysten sind sich einig: Müsste der Vorstandsvorsitzende nochmals beim Bund die Hand aufhalten, wäre er nicht mehr zu halten.

Genau das aber könnte gerade in der jetzigen Situation sein Vorteil sein. Denn eine Alternative für die Spitze der Commerzbank gibt es derzeit nicht, so dass im Zweifelsfall auch Berlin Interesse daran hätte, eine geräuschlose Lösung zu finden. Denn mittlerweile ist die Bundesregierung größter Aktionär, und eine Fehlinvestition mag ein Politiker im Wahljahr nur ungern eingestehen. Die Zusammenlegung der Commerzbank-Staatsfinanzierung mit der Hypo-Real-Estate-Tochter Depfa, käme diesem Anspruch durchaus entgegen. "Das war ein erster Versuchsballon", heißt es in Finanzkreisen.

Hans G. Nagl
Hans G. Nagl
Handelsblatt / Senior Financial Correspondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%