Continental-Chefkontrolleur
Der rätselhafte Herr von Grünberg

Von vorweihnachtlicher Harmonie kann im Fall von Hubertus von Grünberg keine Rede sein. Beklagen würde sich der Senior-Manager darüber nie - doch derzeit kommt es knüppeldick. Das fränkische Familienunternehmen Schaeffler setzt den Chefkontrolleur von Continental gehörig unter Feuer. Am liebsten möchte man ihn aus dem Weg haben, heißt es in Unternehmenskreisen.

DÜSSELDORF. Während sich die Schlagzeilen der Zeitungen an Bord mit der Schlammschlacht um den Conti-Deal befassen, flog von Grünberg an Donenrstag Vormittag nach Zürich. Auf dem Programm stand ein Treffen mit der ABB-Spitze. Beim Schweizer Großkonzern ist der Astrophysiker Chef des Verwaltungsrats.

Am Abend ging es zurück nach Hannover. In der niedersächsischen Landeshauptstadt tauscht er sich mit den anderen Kontrolleuren des Autozulieferers aus, um über die verfahrene Lage zwischen dem Noch-Dax-Konzern und seinem neuen Großaktionär zu beraten. Für heute hat die EU-Kommission ihre Entscheidung über den Deal angekündigt. Erwartet wird eine Genehmigung. Dem wohl baldigen Eigentümer Schaeffler steht allerdings angesichts von Auto- und Finanzkrise das Wasser bis zum Hals. Die Banken gewähren den Franken für den Conti-Kauf einen Kredit in Höhe von 16 Mrd. Euro. Finanzkreisen zufolge dürften Schaefflers Schulden 2009 den operativen Gewinn um ein Vielfaches übertreffen.

Schaeffler-Chef Jürgen Geißinger verlangt deshalb den vollen Durchgriff. Er will den neuen Zulieferkonzern leiten - und keiner sonst. "Falls es zu einer Zusammenlegung der Automobilsparten kommt, sollte der Conti-Vorstandsvorsitzende Karl-Thomas Neumann diese führen", sagte ein Schaeffler-Sprecher zwar am Donnerstag. Doch die Franken beanspruchen die Schlüsselposition. "Dabei ist eines klar: Jürgen Geißinger wird in diesem Fall die erweiterte Schaeffler-Conti führen", sagte der Sprecher.

Der alte Fuchs von Grünberg, der in den 90er-Jahren anfing, aus dem Reifenhersteller Conti einen elektronikorientierten Automobilzulieferer zu machen, will das verhindern. Aus seiner Sicht gefährdet ein angeblich von Geißinger in der Not geplanter Verkauf von Contis Reifensparten an Konkurrenten den Standort Hannover - wo von Grünberg nach wie vor wohnt. Zudem fürchtet er, Schaeffler könne das geplante gemeinsame Zuliefergeschäft mit Schulden überfrachten und so den Investmentgrad auf Schrottstatus reduzieren. Von Grünbergs Horrorvision: Ein taumelnder Großaktionär reißt Conti mit in den Abgrund.

Von Grünberg sieht sich als Bollwerk gegen mögliche Verzweiflungstaten von Seiten Schaefflers und will Neumann gleichzeitig Freiraum verschaffen. Schon jetzt, vor Abschluss der Übernahme, stöhnt das Conti-Management über Geißingers Versuche, sich ins Geschäft einzumischen. Mal will er an einer Betriebsversammlung teilnehmen, dann beklagt der Großaktionär, nicht vorab über eine Gewinnwarnung informiert zu werden - entgegen dem Aktienrecht. Zum lauten Knall kam es vergangene Woche, als Vorstandschef Karl-Thomas Neumann sich öffentlich über einen Brief Geißingers an die Conti-Banken beklagt hatte.

Conti-Patron von Grünberg stärkt Neumann den Rücken. Das habe er schon in früheren Debatten zwischen dem damaligen Technikvorstand und Ex-Vorstandschef Manfred Wennemer gemacht, berichten Beobachter. Wennemer trat nach der Niederlage im erbittert geführten Abwehrkampf gegen Schaeffler im Sommer zurück. Als von Grünberg den Schritt bekanntgab, hatte der sonst so harte Manager trotzdem Tränen in den Augen.

Geißinger versuche derzeit, einen Keil zwischen von Grünberg und Neumann zu treiben, heißt es in Kreisen des Conti-Aufsichtsrats. Der Streit zwischen von Grünberg und Schaeffler ist für Außenstehende schwer zu verstehen. Nach dem Tod des Unternehmers Georg Schaeffler im Jahr 1996 war es von Grünberg, der der Witwe Maria-Elisabeth Schaeffler mit fachlicher Hilfe beiseite stand. Bis 1998 beriet er sie intensiv, war selbst an Wochenenden in Herzogenaurach - dem Sitz der Unternehmenszentrale. Vielen Beteiligten, einschließlich Wennemer, gilt von Grünberg gar als Strippenzieher der Conti-Übernahme durch Schaeffler.

Über den Ursprung des aktuellen Konflikts mit type="person" value="Schaeffler, Maria-Elisabeth">Schaeffler gehen die Meinungen auseinander. Klar ist: Einer von beiden muss weichen. Von Grünberg oder Geißinger. Von Grünberg hat Erfahrung in großen Schlachten. Als der Reifenkonzern Pirelli sich bei der Übernahme von Conti die Zähne ausbiss, koordinierte er als Vorstandschef die Verteidigung. Auch diesmal wird er bis zum Umfallen kämpfen, sagen Vertraute. Dazu hat er bestenfalls rund 250 Tage Zeit - solange kann er Juristen zufolge eine Hauptversammlung und damit seine Absetzung hinauszögern. Der Ausgang ist ungewiss.

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