„Coping bei Doping“: Wenn der Chef die Nase voll hat

„Coping bei Doping“
Wenn der Chef die Nase voll hat

Sucht in der Führungsetage ist ein Tabuthema: Führungskräfte kaschieren ihre Schwächen.

Erst der Führerscheinentzug wegen Trunkenheit am Steuer brachte die Wende. Investmentbanker Peter Dudzik (Name geändert) hat zwei steile Karrieren hinter sich: eine als erfolgreicher Manager und eine als Abhängiger. Lange funktionierte beides ganz gut parallel. Nach seinem 14-Stunden-Arbeitstag schlenderte er durch die Frankfurter Fressgass’ und gönnte sich flaschenweise ausgewählte Weine, um herunter zu kommen. Es wurde immer mehr, bald viel zu viel. Nachts wachte er dann schweißgebadet auf. Neben ihm das rettende Valium.

Nach etwa vier Wochen konnte er nicht mehr ohne sein. Im Job zog er sich zurück; zum Glück hatte er ein eigenes Büro - mit Kühlschrank. Seine Partnerin trennte sich von ihm, der Druck in der Bank wuchs, Personalabbau drohte. Dudzik legte immer weiter nach, bis er schließlich in eine Verkehrskontrolle geriet: 2,3 Promille. „Ich muss etwas tun“, erkannte er und begab sich in eine Spezialklinik.

Ein typischer Fall. „Gerade Führungskräfte können ihre Sucht lange verheimlichen, weil sie Aufgaben delegieren, wodurch die eigene Arbeitsunfähigkeit nicht auffällt. Im Zweifel deckt sie der persönliche Referent. Zwar wissen oder ahnen viele, dass etwas nicht stimmt, aber kaum jemand traut sich, es auszusprechen“, berichtet Hinrich Bents, Leitender Psychologe der privaten Nexus-Klinik. Er spricht gar von Führungskräften als Risikogruppe. Sie seien stärker gefährdet als die Gesamtbevölkerung. Schätzungen gingen von 8 bis 10 Prozent Betroffenen aus.

Es überwiege der unkontrollierte Griff zur Flasche, gefolgt von Medikamenten (Beruhigungs-, Aufputsch-, Schmerzmitteln) und Drogen (meist Kokain) oder einem Cocktail aus allem. „Dabei lösen eher Männer Spannungen auf diese Weise, um wachsendem Druck und Konkurrenzkampf stand zu halten“, berichtet Bents.

Verheerender Automatismus

Wirtschaftspsychologe Rüdiger Hossiep nennt dieses Verhalten „Coping bei Doping“, also ein Fertigwerden mit Anspannung durch euphorisierende Mittel. Den Weg dazu bereite der Geschäftsalltag, der geradezu danach verlange, bei Betriebsfeiern, Messen, Geschäftsessen und -abschlüssen ein Glas zu heben. Ein Automatismus, dem man sich schlecht entziehen könne, um nicht als Sonderling dazustehen. „So wird aus Gewohnheit schnell Sucht“, sagt Hossiep, der an der Universität Bochum arbeitet. „Ein Hauptproblem der Krankheit ist, dass man glaubt, man hat sie nicht.“ Das könne über Jahre hinweg dank großer Kaschierkunst gut gehen.

„Erstaunlich ist, wie lange das funktioniert. Für viele ist Alkohol der Treibstoff, der sie präziser arbeiten lässt, weil sie ohne gar nicht mehr können“, sagt Edda Gottschaldt, Chefärztin der Oberbergkliniken, die sich auf die Behandlung von süchtigen Ärzten und Führungskräften spezialisiert haben. Ein weiterer Verzögerungseffekt ist, dass stark Leistungsorientierte ohnehin auf Krankheit schamhaft reagieren. Ein Gefühl, das bei einer unschicklichen Sucht noch stärker ist.

„Die Lebensbedingungen von Führungskräften legen eine Selbstmedikation nahe: Sie sind extrem exponiert, was zu Kommunikations- und Beziehungsstress führt, stehen unter überdurchschnittlich hoher Anspannung, arbeiten deutlich mehr als der Normalbürger und begegnen einem extrem hohen Erwartungs- und Erfolgsdruck ihrer Umwelt, bis hinein in die eigene Familie“, analysiert Suchtcoach Hartmut Stepputtis.

Zum Selbstverständnis der Führungskräfte gehört auch die Erwartung an sich selbst, Probleme allein lösen zu können. Deshalb warten sie meist zu lange, bis sie sich nach Hilfsmöglichkeiten umsehen. Wer aber endlich so weit gekommen ist, steht oft allein da: „Spezielle Beratungsangebote gibt es kaum. Wenn sich jemand nicht dem Hausarzt anvertrauen mag, sieht es schlecht aus“, sagt Stepputtis.

Therapie ist harte Arbeit

„In eine normale Suchtberatungsstelle gehen Führungskräfte fast nie, da sie Angst haben, entdeckt zu werden und sich aufgrund ihrer Biografie als etwas Besonderes sehen“, berichtet der Suchtcoach, der genau an dieser Stelle Hilfe anbietet, indem er süchtige Manager und deren Kollegen berät.

In schweren Fällen helfen dann nur noch Entzug und die Therapie in einer Spezialklinik. „Selbst wenn der Körper entgiftet ist, ist das Gehirn noch lange nicht nüchtern“, sagt Gottschaldt. In ihren drei Suchtkliniken wird dem Sonderstatus von Entscheidern Rechnung getragen.

Solche Kliniken sind noch recht selten. Sie unterscheidet von „Trinkerheilanstalten“, dass die Therapie sehr straff ist, auf eine berufliche Perspektive hingearbeitet wird und die Behandlung speziell auf Führungskräfte, Freiberufler und Selbständige zugeschnitten ist, die in der Klinik unter sich bleiben.

Das, was Kassen nicht leisten, bieten die Häuser für Privatpatienten und Selbstzahler (Tagessatz: 370 bis 400 Euro). Sechs bis acht Wochen dauert die Intensiv-Therapie, zum Beispiel in den Oberbergkliniken, während eine übliche Behandlung etwa drei bis sechs Monate benötigt. Allerdings ist das harte Arbeit: Nach der Entgiftung und Entwöhnung, die schon ein Psychotherapeut begleitet, müssen täglich sechs bis sieben Therapiestunden absolviert werden - auch an Sonn- und Feiertagen. Erst dann greift die Verhaltenstherapie, durch die der Griff zur Flasche dauerhaft vermieden werden soll.

Tabuisierung des Themas ist das Hauptproblem

Das Programm beansprucht wöchentlich 35 Stunden. „Jemand, der gesund werden will, vergeudet keine Zeit“, bescheidet Chefärztin Gottschaldt knapp. Nur: Der Weg dorthin muss erst mal geschafft werden. Hartmut Stepputtis hat die Erfahrung gemacht, dass viele Verantwortliche in den Unternehmen aus Unsicherheit sogar absichtlich weggucken und so helfen, das Problem auszudehnen.

„Das bleibt nicht ohne Folgen für die Unternehmenskultur und Arbeitseffektivität“, sagt der Suchtcoach. Psychotherapeut Helmut Kolitzus, der in Seminaren vermittelt, wie man suchtkranken Kollegen helfen kann, zitiert Schätzungen, nach denen Süchtige 20 bis 30 Prozent weniger Arbeitsleistung bringen, 16-mal häufiger fehlen und mit ihrer Negativität und Unberechenbarkeit das Klima vergiften.

Doch nicht nur Vorgesetzte schauen gerne weg: Untergebenen bleibt oft nichts anderes übrig, auch wenn der Chef torkelt. „Beim eigenen Chef kann Kritik schnell zur eigenen Kündigung führen“, sagt Stepputtis. Aber auch unter Kollegen im mittleren Management sei die Sache schon recht heikel, weil oft ein erheblicher Verdrängungswettbewerb herrsche, was einen kritischen Satz rasch als Mobbingversuch erscheinen lasse.

Das grundlegende Problem ist aber die Tabuisierung des Themas. „Die Attribute, die einer Führungskraft zugeschrieben werden, sind Stärke, Gesundheit und emotionale Selbstkontrolle – nicht: Schwäche, Krankheit und Kontrollverlust“, verdeutlicht Stepputtis. Aus Angst vor Imageverlust täten auch Unternehmen alles, um die Sucht zu kaschieren - das sei eine Form von Co-Abhängigkeit. Eine, die das Tabu weiter zementiert.

Wirtschaftspsychologe Rüdiger Hossiep hat wenig Hoffnung auf einen angstfreien Umgang mit dem Thema: „Das würde bei Betroffenen voraussetzen, Schwächen und Defizite zuzugeben. Bei einem immer rauer werdenden Arbeitsklima kann sich das kaum jemand leisten. Ich gehe davon aus, dass sich das Problem noch verstärken wird.“

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