Corporate Governance
Die Metamorphose der Aufsichtsräte

Die Sozialdemokraten fordern eine Frauenquote in Aufsichtsräten. Doch auch ohne gesetzliche Regelungen wandeln sich Deutschlands Kontrollgremien und Vorstände. Eine Exklusiv-Studie belegt: Immer mehr Unternehmen folgen den Empfehlungen des Corporate Governance Kodex.

Die Sozialdemokraten wollen die fast "frauenfreien Zonen" deutscher Aufsichtsräte kräftig aufmischen. Geht es nach den Vorstellungen von Parteichef Franz Müntefering, sollen künftig mindestens 40 Prozent der Aufsichtsräte weiblich sein. "Das muss gesetzlich fixiert werden", betonte er vergangene Woche. Bisher sind Schätzungen zufolge nur knapp zwölf Prozent der Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen Frauen. Die meisten davon wurden von der Arbeitnehmerseite gewählt. Norwegen etwa hat eine solche gesetzliche Quote Anfang 2008 umgesetzt - gegen erhebliche Widerstände. Bei Verstößen droht eine Geldstrafe, schlimmstenfalls die Zwangsauflösung als AG.

"Die Corporate Governance ist in Deutschland auf gutem Wege, weitere gesetzliche Regelungen sind weitestgehend überflüssig", ist dagegen Willi Schoppen, Partner der Personalberatung Spencer Stuart, überzeugt. Denn auch ohne den Druck des Gesetzgebers sei Bewegung in deutsche Aufsichtsräte gekommen.

Zwar sitzen auf vielen Aktionärsbänken der Aufsichtsräte weiterhin ältere Herren unter sich. Doch immerhin 60 Prozent der Dax-30-Konzerne haben heute mindestens einen weiblichen Vertreter der Anteilseigner - eine Verdoppelung gegenüber 2006. Allerdings ist die Frauenquote mit 7,4 Prozent immer noch bescheiden.

Das ist ein Ergebnis des "Board Index 2008", den Spencer Stuart zum dritten Mal in Folge alle zwei Jahre für Deutschland durchführt. Die Studie liegt dem Handelsblatt vorab exklusiv vor. Aufsichtsräte und Vorstände von 53 Dax-Gesellschaften, darunter alle Dax-30-Unternehmen, wurden im Geschäftsjahr 2007 untersucht.

Auch der Ausländeranteil auf den Aktionärsbänken deutscher Aufsichtsräte ist in den vergangenen vier Jahren von 15 auf 19 Prozent gestiegen. Ein Grund für die langsam wachsende Vielfalt: Mehr als zwei Drittel der befragten Firmen nutzen für Besetzungen heute einen Nominierungsausschuss. "Eine schnelle Reaktion auf die erst 2007 eingeführte Empfehlung des Deutschen Corporate Governance Kodexes", meint Schoppen.

Der Steckbrief des typischen deutschen Aktionärsvertreters in Aufsichtsräten sieht wie folgt aus: männlich, deutsch, 60 Jahre alt und sechs Jahre im Amt. Interessant: Die Verweildauer ist im Vergleich zur Vorstudie um ein Jahr gesunken.

Schoppen: "Zahlreiche Aufsichtsgremien haben nach Empfehlung des Kodexes eine Altersgrenze festgelegt, was ein stetes Nachrücken neuer Mitglieder erfordert. Haftungsrechtlich wird der Aufsichtsrat zudem immer stärker in die Pflicht genommen, und das Mandat ist heute viel zeitintensiver als noch vor wenigen Jahren." Marcus Lutter, Professor Emeritus am Zentrum für Europäisches Wirtschaftsrecht (ZEW) in Bonn: "Es ist ausgeschlossen, dass ein Aufsichtsrat seine vielfältigen Aufgaben in vier eintägigen Sitzungen pro Jahr leisten kann."

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