Corporate Health
Gesunde Mitarbeiter zahlen sich aus

Stress führt nicht nur zu längeren Krankheitszeiten, sondern manchmal sogar bis zum Tod. Ein gut organisiertes Gesundheits-Management kann darum Leben retten. Das Handelsblatt hat Unternehmen mit einer vorbildlichen Gesundheitsvorsorge nun mit dem "Corporate Health Award" ausgezeichnet.
  • 2

BENSBERG. Die Schlagzeilen der vergangenen Wochen waren erschütternd: 25 Mitarbeiter der France Télécom haben sich das Leben genommen, weil sie dem Druck der Restrukturierungen ihres Unternehmens nicht mehr gewachsen waren. Die Krankenkasse DAK wartete mit dieser erschreckenden Meldung auf: Zwei Millionen Arbeitnehmer in Deutschland dopen sich mit rezeptpflichtigen Aufputschmitteln und Stimmungsaufhellern oder nehmen Beruhigungsmittel - nur aus einem Grund: Um ihre Leistungsfähigkeit im Job zu steigern. Erschreckende Meldungen aus Japan: Dort sterben jährlich 150 Arbeitnehmer wegen Überarbeitung. Meist ist ein Herzinfarkt die Todesursache, wenn die Arbeitnehmer ein halbes Jahr mehr als 80 Stunden monatlich oder in den vier Wochen vor ihrem Tod mehr als 100 Überstunden abgeleistet haben. Zuletzt teilte die Arbeitsbehörde in Tokio den Tod der Chefin einer McDonalds-Filiale wegen Überarbeitung mit.

Diese Beispiele zeigen, dass nicht nur die Demografie und das steigende Alter der Mitarbeiter den Unternehmen Sorgen macht, sondern vor allem die Auswirkungen von Stress. Deshalb hoben das Handelsblatt, EuPD Research und der Tüv Süd jetzt erstmals den Corporate Health Award 2009 aus der Taufe und zeichneten gestern auf Schloss Bensberg bei Köln zwölf Unternehmen für ihr vorbildliches betriebliches Gesundheitsmanagement aus. Zu den Preisträgern gehören Großunternehmen wie Daimler, Commerzbank, ABB, SAP oder die Deutsche Bahn, aber auch Familienunternehmen wie das Chemieunternehmen Boehringer Ingelheim Pharma, der Rollstuhlhersteller Meyra-Ortopedia oder die Stadtreinigung Hamburg. Letztere beispielsweise wurde in der Sonderkategorie psychische Gesundheit geehrt, weil es so schwierig ist "schlecht ausgebildeten Mitarbeitern mit wenig Lohn die Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit nahe zu bringen, aber die Hamburger darin Vorbildfunktion haben", urteilt Bernhard Badura, Professor für betriebliches Gesundheitsmanagement an der Uni Bielefeld.

Beispiel Boehringer Ingelheim Pharma: Das Unternehmen wurde zum einen wegen seines ausgeklügelten Vorsorgekonzepts ausgezeichnet. Manager über 40 bekommen alle drei Jahre einen Check-Up, Manager über 50 alle zwei Jahre. Diese laufen in mehreren Stufen ab und der Hausarzt wird miteinbezogen. Solch ein Konzept, konnte kein anderer vorweisen. Oder das Beispiel Laufpass: Die Boehringer-Mitarbeiter bekamen einen Schrittzähler und führten ein Online-Laufbuch um wettzueifern, welche Abteilung als erste einmal um die Welt gelaufen war. Auch Erziehung zu guter Ernährung gehört zur Boehringer-Strategie - per Bühnen-Koch-Show und als Film im Intranet samt Rezept-Ausgabe und späterer Abfrage, was hängen geblieben war.

Das Sensortechnik-Unternehmen Sick aus dagegen hat besonders viele Angebote für Familien wie eine eigene Kinderkrippe, Kinderbetreuung in den Schulferien und sogar Hausaufgabenbetreuung.

Ins Gerede kam gerade erst der Preisträger Daimler, weil er Bewerber zum Bluttest schickt. Für Gesundheitmanagement-Experte Badura ist genau das ein Beispiel für den Zielkonflikt, den die Unternehmen haben: "Ohne Daten über die Gesundheit ihrer Belegschaft können sie nicht für deren Gesundheit arbeiten. Die Mitarbeiter hingegen sind nicht bereit, diese ihrer Firma zur Verfügung zu stellen, obwohl sie ihnen letztlich zugute kommen sollen." Kurz: Sie misstrauen ihrem Arbeitgeber so sehr, dass vernünftige Entwicklungen zum Gesundheitsschutz womöglich zum Erliegen kommen.Der Grund für das Misstrauen sind die vielen Entlassungen der vergangenen Jahre. "Es gab Erschütterungen des Selbstwertgefühls", sagt Badura. Wie wichtig der Beruf für die Menschen ist, zeigt eine Forsa-Studie: 53 Prozent derjenigen, die schon persönliche Krisen hinter sich haben, schöpfen in schweren Zeiten Kraft aus dem Job. 26 Prozent der Deutschen fühlen sich durch ihre Arbeit ausgelaugt und 43 Prozent durch den gestiegenen Zeitdruck gestresst - Stichwort: Arbeitsverdichtung. 28 Prozent beklagen zu wenig Handlungsspielraum und 21 Prozent leiden unter unklaren Anforderungen.

Und dass es teuer wird, wenn sich Unternehmenslenker nicht um die Gesundheit ihrer Leute scheren, erlebt gerade die France Télécom. Die Selbstmord-Serie könnte die Firma eine Milliarde Euro kosten, hieß es, als sie vergangene Woche ihre Geschäftszahlen vorlegte. So viel kosten die Maßnahmen zur Entspannung der Situation. Die 100 000 Mitarbeiter sollen 177 Fragen zum Arbeitsklima beantworten. Ganz abgesehen davon, dass Konzernchef Lombard zum Rapport bei Staatspräsident Nicolas Sarkozy einbestellt wurde. Das Ergebnis: Alle Versetzungen wurden gestoppt und sein Vize Louis-Pierre Wenes musste zurücktreten.

Kommentare zu " Corporate Health: Gesunde Mitarbeiter zahlen sich aus"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Schrttzähler wie im beispiel boehringer sind bis heute nicht aus der Mode gekommen. Neuere Geräte berechnen auch die CO2-Einsparung durch die zu Fuß zurückgelegten Kilometer. Für ein Unternehmen dieser Größenordnung ebenfalls ein interessanter Ansatz.

  • in dem Artikel "gesunde Mitarbeiter zahlen sich aus" schreiben Sie, dass bei boehringer ingelheim Pharma Manager ab 40 einen Vorsorge-Check up bekommen. Diese Aussage ist nicht ganz richtig. Dieser Check up steht allen Mitarbeitern zu, nicht nur den Managern.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%