Craig Newmark nimmt der Presse die Anzeigen weg
Der Zeitungsschreck

So sieht also die Zukunft aus: klein, untersetzt, graues Hemd und schwarze Jeans. „Ich bin ein Sonderling und ziemlich faul“, stellt sich Craig Newmark vor. Der introvertierte Mann mit der hohen Stirn und der schmalen Brille bezeichnet sich als „Kundenbetreuer“. Das passt schon eher zu seinem unauffälligen Aussehen. Keine Spur davon, dass hier der Herrscher des wohl ungewöhnlichsten Internet-Imperiums vor einem steht.

HB NEW YORK. Newmark ist der Gründer und Mehrheitseigner der Webseite Craigslist.org, des größten Kleinanzeigenmarkts der Welt. Mit rund zehn Millionen Nutzern und drei Milliarden Seitenzugriffen pro Monat spielt Craigslist mit Online-Stars wie Amazon und Ebay in einer Liga. Ob Kontakthof, Flohmarkt, Jobbörse oder Wohnungsmarkt – Craigslist ist alles in einem. Und das in 190 Städten in 35 Ländern rund um den Globus. Lokale Angebote gibt es auch in Frankfurt, Berlin und München. Nach Ansicht von Experten ist Craigslist eine ungenutzte Goldmine mit einem Erlöspotenzial von mehr als einer halben Milliarde Dollar.

Angesichts dieser Zahlen würde man erwarten, das Newmark wie die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin seinen Erfolg längst zu barer Münze gemacht hat und heute zu den Internet-Milliardären zählt. Weit gefehlt. Bis auf wenige Ausnahmen ist Craigslist ein kostenloser Service ohne Werbung. Im vergangenen Jahr sollen die Einnahmen nach Schätzungen des Wirtschaftsmagazins „Fortune“ nicht über 20 Millionen Dollar hinausgekommen sein.

„Wir wollen den Leuten helfen, ihnen das Leben leichter machen“, sagt der 53-Jährige. Gewinn, Wettbewerb, Reichtum: „Das interessiert mich nicht.“ Nur einen größeren Fernseher, den hätte er schon gerne.

Wegen seines unorthodoxen Auftretens und fast kommunistischen Geschäftsprinzips wurde er lange belächelt. Zumindest Amerikas Zeitungsbaronen ist das Lachen vergangen. Mit jeder neuen Craigslist werden die Verleger etwas blasser. In der Region rund um San Francisco sollen die örtlichen Tageszeitungen nach einem Bericht des Branchendienstes „Classified Intelligence Report“ bereits Anzeigenerlöse von mehr als 50 Millionen Dollar verloren haben. In diesen Krisenzeiten, in denen Anzeigen und Leser ins Internet abwandern und die Börsenkurse der Zeitungshäuser fallen, sehen viele in Newmark den Totengräber der Presse.

Sein Erfolg und der öffentliche Rummel um seine Person scheinen den Manager-wider-Willen immer noch zu überraschen. Newmark kommt aus einfachen Verhältnissen. Während seiner Kindheit vergrub er sich gerne in seinem Zimmer und las Science-Fiction-Bücher. Später, an der High-School, ist er dann „ein Stubenhocker und Computerfreak mit einem akademischen Talent. Meine sozialen Fähigkeiten waren allerdings weniger stark ausgeprägt“, erzählt Newmark heute. Lange arbeitet er als Systemingenieur beim Computerbauer IBM und landet nach einer Umstrukturierung auf der Straße. In San Francisco beginnt er 1995, eine Liste von Kunst- und Technologietipps per E-Mail an Freunde zu verschicken. Hinweise auf Jobs und Wohnungen kommen hinzu, und so entsteht eine Onlinebörse im Internet. 1999 wird daraus ein Unternehmen.

Seite 1:

Der Zeitungsschreck

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%