Cyril Ramaphosa steht wie kein Zweiter für die neue schwarze Elite Südafrikas
Kämpfer in der Wirtschaftsarena

Der neue Tag dämmerte und kündete von einer neuen Zeit. Die Unterhändler der südafrikanischen Apartheid-Regierung und des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) einigten sich im Morgengrauen auf die letzten Klauseln der südafrikanischen Übergangsverfassung, die den Weg zur ersten freien Wahl am Kap bahnte. Der Verhandlungsführer an jenem 18. November 1993: Cyril Ramaphosa.

KAPSTADT. Wenn in diesen Tagen der zehnte Jahrestag des politischen Wechsels in Südafrika gefeiert wird, fällt wieder der Name Ramaphosa. Doch der Politik hat der Mann mit dem spitzbübischen Lächeln entsagt. Heute verkörpert der 51-Jährige wie kein anderer den wirtschaftlichen Aufstieg der schwarzen Elite am Kap.

Die Früchte der Verhandlungsnacht im November 1993 hat Ramaphosa nie geerntet. Obwohl viele ihn wegen seiner Schlüsselstellung im Übergangsprozess als natürlichen Nachfolger von Nelson Mandela betrachteten, entschied sich der ANC für seinen Konkurrenten Thabo Mbeki.

Ramaphosa reagierte sofort: Statt im ersten Post-Apartheid-Kabinett Außenminister zu werden, wechselte er in die Wirtschaft. Und er mutierte vom Hitzkopf zum kühlen Geschäftsmann, auch wenn auf seinem Schreibtisch lange die Nachbildung eines Molotowcocktails stand, der Werbegag eines Radiosenders.

Mit seiner Investmentgesellschaft Millennium Consolidated Investments (MCI) mischt er heute in vielen Branchen mit: in der Versicherungs- und Textilindustrie, im Mediensektor, im Mobilfunk, in der Immobilienbranche und neuerdings im Bergbau – sein lang gehegter Traum. Ausgerechnet der Mann, der währen der Apartheid-Ära die mächtige Bergarbeitergewerkschaft NUM (National Union of Mineworkers) in den größten Streik der südafrikanischen Geschichte führte, ist zum bekanntesten schwarzen Industriekapitän geworden.

Geholfen hat ihm das Bestreben des ANC, der schwarzen Bevölkerung nach dem politischen Umbruch auch wirtschaftlich den Rücken zu stärken. Schlagwort: Black Economic Empowerment (BEE). Immer öfter werden heute in Südafrika Schwarze bei lukrativen Staatskontrakten bevorzugt. Wer als „weißes Unternehmen“ keinen schwarzen Partner vorweisen kann, braucht sich um viele staatliche Aufträge erst gar nicht zu bewerben.

Die meisten Schwarzen sind stolz auf die Macht, die einige wenige wie Ramaphosa heute in den einst blütenweißen Chefetagen ausüben. Doch als prominenter schwarzer Geschäftsmann ist Ramaphosa auch Zielscheibe für jene, die den kometenhaften Aufstieg der „schwarzen Rand-Lords“ kritisieren – eine Anspielung auf die weißen Immigranten, die am Ende des 19. Jahrhunderts nach der Entdeckung der Goldfelder an den Johannesburger Witwatersrand strömten und vereinzelt zu großem Reichtum gelangten.

Für seine Kritiker symbolisieren Ramaphosa und schwarze Mitstreiter wie der vor allem im Minen- und Bankwesen tätige Tokyo Sexwale die immer größere Kluft zwischen der dünnen schwarzen Oberschicht und der großen Gruppe schwarzer Habenichtse.

Unbestritten ist, dass bei Geschäftsabschlüssen mit schwarzer Beteiligung immer wieder die gleichen Namen auftauchen, weil Leute wie Ramaphosa, Sexwale oder der Minenbaron Patrice Motsepe dank ihrer Kontakte zur ANC-Regierung besonders begehrte Partner „weißer“ Unternehmen sind.

Der Vorwurf der Selbstbereicherung ist vielleicht aber auch deshalb öfter zu hören, weil die bislang praktizierte Form des Black Empowerment kaum dazu beigetragen hat, das große Wohlstandsgefälle im Land zu überbrücken, meint Jenny Cargill vom Wirtschaftsberater Business Map: „Wie früher bündelt sich der Reichtum bislang auch nur in wenigen Händen – mit dem Unterschied, dass diese Hände diesmal schwarz sind.“

Dass ihm seine Beziehungen zum ANC beim Aufbau seines Geschäftsimperiums nicht ungelegen kamen, stellt auch Ramaphosa nicht in Abrede. Er hat auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass er anfangs nicht einmal eine Firmenbilanz lesen konnte und trotzdem hofiert wurde.

Ramaphosa, zu dessen Hobbys das Fliegenfischen und Golfspiel gehören, stört Kritik jedoch wenig. Er beharrt darauf, dass er trotz des opulenten Lebensstils das Ziel einer gerechteren Gesellschaft nicht aus den Augen verloren habe: „Ich kann meine Wurzeln im Widerstand schon deshalb nicht vergessen, weil ich beim Kampf für mehr Gerechtigkeit jahrelang an vorderster Front mitgefochten habe. Für mich bleibt die Wirtschaft deshalb auch nur eine andere Arena dieses Kampfes.“

Obwohl Ramaphosa eine Rückkehr in die Politik ausgeschlossen hat, würde es viele überraschen, wenn der Sohn eines Polizisten alle politischen Ambitionen begraben hätte. Jeder, der Ramaphosa kennt, weiß um seine Entschlossenheit, die bisweilen an Ruchlosigkeit grenzt.

Enge Freude erzählen hinter vorgehaltener Hand, dass sein Ausscheiden aus der Politik nur Teil einer Langzeitstrategie sei. Statt die direkte Konfrontation mit Mbeki zu suchen, wolle Ramaphosa seine prominente Stellung in der Wirtschaft zum Ausbau der eigenen Machtbasis im ANC zu nutzen.

Die letzte Amtszeit Mbekis läuft 2009 aus. Dies würde Ramaphosa ausreichend Zeit verschaffen, um sich mit Blick auf eine Kandidatur noch stärker als schwarzer Wirtschaftsführer zu profilieren.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%