Dabei verbessert Position in Deutschland in der Regel die Karrierechancen
Eiskaltes Betriebsklima

Top-Leute aus dem Ausland meiden Deutschland. Nicht aus rationalen Gründen, sondern wegen der Unternehmenskultur, der Bürokratie und der deutschen Mentalität.

Manchmal genügt ein richtig kalter Winterwind, um das Heimweh wegzublasen. „Ich war Schlittschuh laufen auf einem See, und Ski fahren. So oft es ging an den Wochenenden. Versuchen Sie das mal in Spanien“, erinnert sich Enrique Valdes an seinen ersten Winter in München. Seit einem Jahr lebt der 33-jährige Director Strategic Marketing von Telefonica Deutschland in der bayerischen Landeshauptstadt. Der Spanier ist mit seiner Entscheidung sehr zufrieden, obwohl ihn mehr als tausend Kilometer von der Familie und der nächsten hausgemachten Tortilla trennen.

Typisch ist Valdez Einstellung für ausländische Top-Leute nicht. Mit der Aussicht auf eine kalten Winter können deutsche Unternehmen nur in den seltensten Fällen Spitzenkräfte ins Land locken, ermittelte das weltweit tätige Personalmarketingunternehmen HR Gardens in Köln. Aus Sicht des internationalen Führungsnachwuchses gehören deutsche Unternehmen der Untersuchung zu Folge im internationalen Vergleich zu den unbeliebten Arbeitgebern. Neben den großen Automobilherstellern BMW, Volkswagen, Daimler-Chrysler und Porsche hat nur eine Stellung bei Siemens für Europas High Potentials einen Reiz. Selbst die Arbeit bei Global Playern wie Bertelsmann, Allianz oder SAP hält nur eine Minderheit der 150 Befragten für eine attraktive Karriereoption. Vor allem im Vergleich mit den Attraktivitätswerten, die diese Gruppe einem Unternehmen wie Nokia zuschreibt, wird deutlich, wie groß die Vorbehalte gegen den Umzug in das Land der Leitkultur-Debatten ist.

Dass Talente wie Valdez oder Top-Manager wie der ehemalige Schering-Vorstandschef Guiseppe Vita gerne nach Deutschland kommen und das Land schnell lieben lernen ist die Ausnahme - und das ist problematisch. Das gilt auch in Zeiten, wo mangels der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt Aktivitäten wie die Greencard-Initiative überflüssig sind, erklärt Anja Çakmak, Beraterin bei HR Gardens. „Diversity, also eine Vielfalt in der Belegschaft, ist gerade für international tätige Unternehmen ein wichtiger Faktor, um Ideen, Innovationskraft und Qualität zu sichern.“

Um so bitterer für den ungeliebten Standort, dass es eigentlich wenig rationale Gründe gibt, einen Bogen um die Republik zu machen. Natürlich unterscheiden sich alle Länder in Unternehmenskultur und Lebensart. Doch wenn man bedenkt, dass HR Gardens akademisch gut ausgebildete und ambitionierte junge Leute befragte, die später in Führungspositionen wollen, klingt es beinah lächerlich, was HR Gardens als Attraktivitätsbremsen ermittelte: „Das Essen schmeckt komisch, das Wetter ist immer schlecht und die Leute hier sind ernst und verschlossen“, fasst Anja Çakmak die Befürchtungen ausländischer Top-Kräfte zusammen. 40 Prozent der 115 Befragten hegen starke Vorbehalte gegen die deutsche Mentalität – was auch immer sie hinter dieser vermuten.

Zum Lachen ist allerdings nicht, dass diese Faktoren tatsächlich Auswirkungen haben, wenn für Spitzen- und Perspektivenjobs in Deutschland ausländische Kräfte gesucht werden. Wenig überraschend ist, dass sich am ehesten Österreicher, Schweizer, Belgier und Holländer nach Deutschland locken lassen. Franzosen, Briten und Amerikaner tun sich dagegen ausgesprochen schwer mit der hiesigen Unternehmenskultur, die für Außenstehende häufig von Revierdenken und bürokratischen Abläufen geprägt scheint. Zehn Prozent der von HR Gardens Befragten sprechen der Arbeitsweise in deutschen Unternehmen ausreichende Flexibilität ab und 15 Prozent bemängeln vergleichsweise aufwendige Bewerbungsverfahren. Insgesamt hat das Klima in den Betrieben unter Nichtdeutschen einen ähnlich kalten Ruf wie das Wetter.

Dabei hat in der Regel die größten Befürchtungen, wer am wenigsten über Deutschland weiß. „Gerade Menschen, die noch nicht her waren, haben große Vorurteile,“ sagt Anja Çakmak. „Deshalb ist es ist wichtig, früh mit der mit Bindung anzufangen.“ Sie rät deutschen Unternehmen, sich stärker um Diplomanden und Praktikanten zu bemühen. Sie sollen hier zu Lande aus erster Hand erfahren, wie es sich in Deutschland lebt. Çakmak: „Das eigene Erleben ist der beste Weg, Vorbehalte und Vorurteile abzubauen.“

Zudem können nichtdeutsche High Potentials sicher sein, dass eine Position in Deutschland in der Regel ihre Karrierechancen verbessert und nicht verschlechtert.

Christine Stimpel, Deutschlandchefin der internationalen Personalberatung Spencer Stuart in Düsseldorf: „Eine Berufung nach Deutschland ist keine Pflichtversetzung. Im Gegenteil, da der deutsche Markt zumeist eine hohe strategische Bedeutung besitzt, sollten High Potentials eine Position in Deutschland als sehr attraktiv begreifen.“ Enrique Valdes bestätigt: „Ich habe hier viel mehr Verantwortung als ich in einer vergleichbaren Position in Spanien hätte.“ Auch sein Chef Conrado de Miranda, Geschäftsführer der Telefonica Deutschland GmbH, bereut nicht den Umzug an die Isar und die Arbeit in der Zentrale in Verl: „Aus professioneller Sicht ist es für jeden ungeheuer attraktiv, nach Deutschland zu kommen. Es ist der wichtigste Markt in Europa, aber auch einer, der schwer umkämpft ist“, sagt er.

Natürlich dürfen sich die deutschen Arbeitgeber nicht allein darauf verlassen, dass sich die Erkenntnis, dass das Leben im Europamarkt Nummer Eins gar nicht so unerträglich ist, bei ausländischen High Potentials und Entscheidern durch setzt. Gerade wegen der irrationale Vorbehalte müssen sie mehr tun als andere internationale Unternehmen, wenn sie Topleute umwerben. „Unternehmen müssen dem umworbenen Manager und am besten auch seiner Frau das lokale und regionale Umfeld, die Freizeitmöglichkeiten und potenziellen Schulen für die Kinder näher bringen“, rät Personalexpertin Stimpel. „Und man muss sich mindestens noch ein Jahr nach dem Umzug um den ausländischen Manager kümmern. Die private Integration ist dabei besonders wichtig.“ Auch Anja Çakmak bestätigt dies: „Die Life-Work-Balance wird immer wichtiger. Eine tolle Position um jeden Preis, das ist mit den wenigsten zu machen.“

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