Daimlers erste Vorstandsfrau
Christine Hohmann-Dennhardt: Allein unter Männern

Frühere SPD-Spitzenkraft, ehemalige Bundesverfassungsrichterin – und eine Frau. Christine Hohmann-Dennhardt ist im Vorstand des Autobauers Daimler in vielerlei Hinsicht eine Exotin.
  • 0

StuttgartWenn sie die Stimme erhebt, dann schauen entweder alle auf sie. Oder niemand. Christine Hohmann-Dennhardt ist die erste Frau im Daimler-Vorstand – und seit anderthalb Jahren die einzige. „Entweder sind Sie ein Solitär, den man irgendwann im Eifer des Gefechts mal nicht beachtet“, sagt die 62-Jährige über ihre Arbeit in dem Gremium. „Oder Sie sind ein Solitär, auf den alle erst einmal schauen, wenn er die Stimme erhebt.“

Alle Blicke, die auf ihr ruhen – diese Situation war für Hohmann-Dennhardt vor ihrer Zeit bei dem Autobauer gang und gäbe. Hessische Justizministerin, Ministerin für Wissenschaft und Kunst und schließlich Richterin am Bundesverfassungsgericht – die promovierte Juristin und frühere SPD-Politikerin stand während ihrer Karriere schon häufig in der Öffentlichkeit.

Wenn sie damals von Kapitalrenditen oder der Streichung von Arbeitsplätzen sprach, tat sie das allerdings nicht als Mitglied eines Konzerns, sondern eher als Kritikerin. Einst trat sie sogar für die „Reaktivierung des Sozialstaats“ ein.

Und nun also Daimler. Als Bundesverfassungsrichterin wandte Hohmann-Dennhardt sich gegen den sogenannten Großen Lauschangriff. Bei dem Autokonzern betreut sie ausgerechnet ein Hinweisgebersystem, bei dem Mitarbeiter Fehlverhalten ihrer Kollegen melden können. Eine Wende um 180 Grad?

Hohmann-Dennhardt sieht das anders. „Ich hatte nicht geplant, in die Wirtschaft zu gehen“, räumt sie ein. Aber: „Ich habe mich in meinem Berufsleben intensiv mit rechtlichen Steuerungssystemen beschäftigt“, erklärt sie. „Als mich Dieter Zetsche gefragt hat, ob ich diese Aufgabe bei Daimler übernehmen würde, habe ich gedacht: Das ist eine Chance zu sehen, wie funktioniert eine solche Steuerung in einem Unternehmen.“

Letztlich ist die zweifache Mutter ihren Überzeugungen auch bei Daimler treugeblieben, wie sie erklärt. Sie sorge dafür, dass Profit „auf anständige Art und Weise“ erwirtschaftet werde.

Hohmann-Dennhardt ist für den Bereich Integrität und Recht zuständig. Sie wacht quasi darüber, dass alle Mitarbeiter und Geschäftspartner sich an die Spielregeln des Unternehmens halten. Vorausgegangen war ein Rechtsstreit um jahrelange Schmiergeldzahlen bei Daimler.

Braune Haare, Pagenschnitt, Kostüm, perfektes Make-up. Die 62-Jährige wirkt feminin und zugleich doch wie eine, die wenn nötig die Ellbogen ausfahren kann. Mit der eingangs beschriebenen Situation allein unter Männern könne sie umgehen, betont sie. „Ich kenne sie lange – und ich habe kein Problem damit“.

„Korruption ist eine spiegelglatte Fläche, wo Sie ganz schnell einbrechen können“

Daimlers erste Vorstandsfrau sieht das Wirtschaften des Autoriesen nach dessen Schmiergeldskandal inzwischen stärker im Einklang mit Gesetzen und Moral. „Wir haben in den anderthalb Jahren sehr viel bewegt, und ich bin äußerst zufrieden, was wir auf die Beine gestellt haben“, sagte Christine Hohmann-Dennhardt der Nachrichtenagentur dpa in Stuttgart. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in einer positiveren Stimmung, als ich sie zu Beginn meiner Arbeit erlebte.“

Der Dax-Konzern hatte sich 2010 schuldig bekannt, über zehn Jahre hinweg in mindestens 22 Ländern Regierungsbeamte für lukrative Aufträge bestochen zu haben. Schmiergeld floss unter anderem in China, Russland, Ägypten, Griechenland und der Türkei.

Die Arbeit ihres Teams sei für den Erfolg des Dax-Konzerns von zentraler Bedeutung. „Es ist klar, dass größere Verstöße sich schwer auf die Reputation eines Unternehmens auswirken können“, berichtete Hohmann-Dennhardt. Studien zeigten, dass für Kundenentscheidungen die Sympathie zur Marke sehr wichtig sei. „Man schätzt, dass die Reputation etwa 30 Prozent ausmacht im Hinblick auf den Produktkauf.“

Zu den Fehlern aus der Vergangenheit, die es in ähnlicher Form etwa auch bei Siemens gab, findet die Juristin klare Worte: „Bei Korruption begeben Sie sich in Abhängigkeiten. Das ist eine spiegelglatte Fläche, wo Sie ganz schnell einbrechen können. Ökonomisch ist das keine gute, nachhaltige Situation. Also ist es unter solchen Gesichtspunkten auch für Unternehmen wichtig, dass sie bekämpft wird.“ Zudem seien korrupte Märkte nun einmal nicht stabil.

Im Kampf gegen Auswüchse dieser Art verteidigte Hohmann-Dennhardt das Hinweisgebersystem BPO, über das Vorwürfe auch anonym eingereicht werden können. „Schwere Anschuldigungen sind in der Minderheit, es gibt weltweit im Monat unter zehn“, erklärte sie. Vieles erweise sich dabei auch nicht als stichhaltig. „Das Ergebnis ist ungefähr 50:50. Zur Hälfte hat man etwas gefunden und zur anderen Hälfte nicht.“

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Daimlers erste Vorstandsfrau: Christine Hohmann-Dennhardt: Allein unter Männern"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%