Dalai Lama
Vom Winde umweht

„Je mehr wir uns um das Glück der anderen bemühen, desto glücklicher werden wir selber.“ Vom Mönchsgott Dalai Lama lernen heißt Marketing lernen: Seine betonstabilen Simplifikationen sind ebenso eingängig wie die stets präsente Kassenbrille.

DÜSSELDORF. Wenn David O. Selznick, Marilyn Monroe, der Dalai Lama und der verstorbene Papst Johannes Paul II. etwas gemeinsam haben, dann ist es vom Winde verweht. Selznick fing mit dem gleichnamigen Film Oscars und Dollars in rauen Mengen ein, Marilyn ließ mit dem überraschend sanften Sog der U-Bahn den Petticoat um ihre Jahrhundertschenkel spielen.

Ein ähnlich spektakuläres Foto bringt uns Papst Johannes Paul II. ins Gedächtnis, dessen Fano, also das Schultergewand, einst so dekorativ von einer Böe erwischt wurde, dass der Papst möglicherweise nichts sehen, aber die Fotografen wie verrückt knipsen konnten.

Von der lichtbildnerischen Kraft eines Windstoßes muss auch der Dalai Lama überzeugt gewesen sein, als er neulich bei einer öffentlichen Gewandordnerei in einen Windhauch geriet und sich sein Mönchsgewand so pittoresk blähte und bauschte wie ein mittlerer Rahsegel oder ein Spinnaker für Anfänger.

So was will geübt sein – wir dürfen annehmen, dass der Dalai Lama kürzlich aus guten Gründen in der Hanse- und Seglermetropole Hamburg Station gemacht hat, vielleicht, um das kunstvolle Spiel mit Wind und Textil vor Ort zu studieren. Und natürlich der Weisheiten willen: Vor lauter Verheißung von Trivialglück – „Je mehr wir uns um das Glück der anderen bemühen, desto glücklicher werden wir selber“ – geriet übrigens ein bisschen in Vergessenheit, dass der ins Exil verbannte Gottmönch immer noch das Volk der Tibeter repräsentiert, das vom offiziellen China seit Jahrzehnten drangsaliert wird, und zwar aufs Heftigste.

Jedenfalls hatten die Fotografen was zu knipsen. Die schreibenden Reporter waren von dem Schauspiel so hingerissen, dass sie sich über die Farbe des verwehten Gewandes bis zuletzt uneinig blieben: War es nun „rot-orange“ (Süddeutsche Zeitung, Hamburger Abendblatt) oder „rostrot“ (Stuttgarter Nachrichten) oder „dunkelrot“ (Rheinische Post) oder einfach nur „wehend“ (Franz Alt)? Irgendwie hat das Charisma des Exilgottes aus Tibet wohl die abendländische Farblehre durcheinandergebracht. Seine charismatische Präsenz gilt, warum auch immer, als stilbildend.

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