Das Bild einer korrupten Gesellschaft
Drei ehrenwerte Herren

Der Vorstandschef einer der größten Konzerne Frankreichs weiß nicht weiter. „Ich will mich scheiden lassen, aber das würde nicht ohne große Unannehmlichkeiten abgehen“, klagt Loïk Le Floch-Prigent im Büro seines einzigen Aktionärs.

PARIS. Denn seine Frau Fatima will keine Scheidung – und sie weiß zu viel über die Machenschaften von Le Flochs Firma Elf Aquitaine und diejenigen des französischen Staates in Afrika. Aber Staatspräsident François Mitterrand hat einen guten Rat: „Schaffen Sie das Problem aus der Welt.“

So geschieht es. Le Floch lässt seiner Ex-Frau in spe ein üppiges Schweigepaket schnüren: eine Wohnung in London, eine in Paris (171 Quadratmeter), eine Limousine, eine monatliche Rente von 5 000 Euro. Insgesamt wird Madame von 1991 bis 1996 mit fast fünf Millionen Euro alimentiert. Natürlich zahlt Le Floch nicht selbst: Das Geld fließt aus den schwarzen Kassen von Elf.

„Ich habe das alles nicht für mich getan, sondern für Elf!“ insistiert Le Floch heute weinerlich. Und seine geröteten Hände klammern sich am Zeugenstand des Strafgerichts zu Paris fest. Mit den Details der dunklen Deals habe er sich nie befasst.

Scheidung aus Staatsräson. Privates, Politisches, Geschäftliches – alles war mit allem und alle waren mit allen verquickt. Das ist der Kern der Elf-Aquitaine-Affäre, die seit vier Monaten in Paris das Gericht beschäftigt. Mal kam der Leim, der alles und alle zusammenhielt, als Bündel abgegriffener Geldscheine daher, die Boten – Codename „Oskar“ – aus der Schweiz heranschafften, mal als Überweisung von Konten mit Tarnnamen wie „Tomate“.

Das Frankreich von heute richtet das Frankreich der achtziger und frühen neunziger Jahre, als große Firmen staatlich, Firmeninteressen folglich Staatsinteressen waren (und umgekehrt). Und als eine Kaste Unberührbarer sich nahm, was sie sich zugestand. Über 37 von ihnen hält der größte Strafprozess Frankreichs seit 1945 Gericht. In ihren Plädoyers wollen die Verteidiger der Hauptangeklagten diese Woche beweisen, dass ihre Mandanten keine harten Strafen verdienen.

Das wird nicht einfach. Da ist Ex-Rhône-Poulenc-Chef Le Floch, der es nach vier Jahren als Elf-Präsident, 1989 bis 1993, noch zum Eisenbahnchef brachte, ehe 1994 der Skandal über ihm zusammenbrach. Der bärtige Bretone gibt das Opfer. „Ich weiß, dass dies alles unglaublich klingt. Aber das waren die perversen Mechanismen des Systems, in dem ich eingemauert war.“

Le Floch sieht weich aus – wie ein Kind, das sich im Bonbonladen überfuttert hat und reumütig elterlichen Schutz einfordert. Einige der fast 50 Prozesstage verpasst der 59-Jährige: der Magen.

Doch unter seiner Ägide wurde gezahlt, verschoben und geheimbündelt – und zwar fair. „Unterstützung“ von Politikern? Alle (die Namen verschweigt Le Floch) bekamen etwas ab vom Kuchen – das empfahl sogar Sozialist Mitterrand dem Elf-Chef: „Vergessen Sie auch die Neogaullisten von der RPR-Partei nicht … “ RPR-Gründer ist Mitterrands Nachfolger Jacques Chirac.

Was Le Floch strafrechtlich zum Verhängnis werden dürfte: Auch sich selbst vergaß er nicht. Eine Villa in Paris (816 Quadratmeter mit bis zu elf Meter hohen Decken) ließ er für 9,3 Millionen Euro kaufen, weil er und seine Frau sich in der nur 300 Quadratmeter großen Dienstwohnung zu beengt fühlten.

Abgewickelt wurden dieser und viele andere Deals von Alfred Sirven, dem Generaldirektor von Elf, zuständig für alles Halbseidene. Mit dem Charme eines Playboys und mit Taschen voller Bargeld ging Sirven beim Edel-Juwelier Cartier ein und aus. Er erstand glitzernde Präsente für diese oder jenen. Außenminister Roland Dumas finanzierte er eine Mätresse. Genüsslich breitet Sirven im Prozess die Details aus, die ihm nützen. Sein Ex-Chef Le Floch habe nie nach Geld für persönliche Zwecke gefragt? ‚Quatsch’, denkt Sirven wohl, sagt aber, ganz Filou: „Es ist vorgekommen, dass ich Ausgaben für den Präsidenten getätigt habe.“ Und blinzelt vom Anklagestühlchen, auf dem er hockt, unschuldig herüber zu Le Floch, dem der Blutdruck ein knalliges Rot ins Gesicht zwingt.

Wenn er selber unter Druck gerät, beruft sich der 75-jährige Sirven gerne auf Gedächtnislücken oder wiegelt naiv ab. Sich selbst erstand er mit Schwarzgeld Villen in Frankreich und auf Ibiza – und wenn er seinen 2,5-Hektar-„Garten“ bunter wollte, spendierte er sich rasch 1 000 Rosenstöcke. „Aber eine Villa kann man das nun wirklich nicht nennen, Herr Vorsitzender.“

Die Faszination aber, im Zentrum des Selbstbedienungsladens Elf Aquitaine gesessen zu haben, packt ihn noch heute: „Das Geld zirkulierte so leicht“, schwärmt Sirven mit seiner Joe-Cocker-Stimme. In der Tat: In nur vier Jahren zweigten Le Floch, Sirven und der Dritte im Bunde, Elfs Afrika-Chef André Tarallo, 152 Millionen Euro ab.

„Monsieur Afrique“ hielt mit diversen Kickback-Geschäften die schwarzen Kassen prall gefüllt und Afrikas Potentaten bei Laune. Dafür leistete sich Tarallo eine Riesen-Villa auf Korsika – „mit Blick auf Sardinien“ – für 10,5 Millionen Euro (Umbau inklusive). Den 76-Jährigen umweht ein wilhelminisch-kolonialer Hauch, wenn er erzählt, wie das Ölgeschäft in Afrika so läuft. Wie Le Floch und Sirven lässt Tarallo nur dann etwas heraus, wenn es seinen Ex-Mitkollegen schadet.

Manches kam so heraus, vieles nicht. An wen die 40 Millionen Euro Schmiergeld geflossen sind, die das Trio der ehrenwerten Herren beim Kauf der deutschen Leuna-Raffinerie springen ließ, blieb unbekannt – auch weil den Dreien in Sachen Cleverness schwer beizukommen ist. Als Sirven im Februar 2001 auf den Philippinen verhaftet wird, verschluckt er schnell den Chip seines Mobiltelefons. Und die Magensäure besorgt den Rest.

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