David Oddsson
Islands Zentralbankchef auf rauer See

Eigentlich fühlt sich der isländische Zentralbankchef David Oddsson wohl, wenn es um ihn herum brodelt. Der ehemalige Regierungschef hat Erfahrungen mit Turbulenzen. Doch die Finanzkrise bringt den Mann mit dem fülligen Gesicht und den leicht angegrauten Locken derzeit um den Schlaf. In diesen Tagen kämpft der 60-Jährige einen fast aussichtslosen Kampf um das Vertrauen für das isländische Finanzsystem.

STOCKHOLM. Zerzaust wie eh und je: David Oddsson sieht in diesen turbulenten Tagen nicht anders aus als sonst. Der Mann mit dem fülligen Gesicht und den leicht angegrauten Locken gäbe gut einen Professor ab. Einen, der immer weiß, wo es lang geht. Und das tut er auch, sagt er von sich. "Skrupellose Finanzmakler" seien es gewesen, die sein Land in Verruf gebracht hätten, sagt Oddsson. Er meint damit die Folgen der Finanzkrise, die jetzt auch Island erreicht haben. Der Zentralbankchef des Inselreichs kämpft in diesen Tagen einen fast aussichtslosen Kampf um Vertrauen für das isländische Finanzsystem.

Dort, wo ständig Geysire brodeln, wo es aus dem Erdboden blubbert, wo Elfen ihr Unwesen treiben und Stürme zum Alltag gehören, genau dort muss der 60-Jährige für Liquidität sorgen, muss zusehen, dass die vier großen Finanzinstitute nicht noch tiefer in den Sumpf der globalen Finanzkrise abgleiten. Landsbanki, Kaupthing, Glitnir und Straumur-Burdaras - so scheint es heute - haben ihre besten Tage hinter sich.

Damals, vor drei, vier Jahren, begannen die Banken und Investmentgesellschaften wie die alten Wikinger ihre beispiellosen Feldzüge in Nordeuropa und Großbritannien. Nichts war zu teuer, als dass die Isländer nicht doch noch ein Geschäft witterten. Ob Easyjet, Finnair, Versicherungsgesellschaften, Banken, Kaufhausketten und Lebensmittelhändler: "Was nicht niet- und nagelfest war, wurde gekauft", erinnert sich ein Analyst von Glitnir.

Das Milliardenkapital wurde geliehen, manchmal untereinander hin- und hergeschoben. Das ging gut, und auch Oddsson bemerkte nichts Ungewöhnliches an den vielen, zum Teil undurchsichtigen Transaktionen. Die Finanzinstitute spekulierten gegen die eigene Währung und verdienten viel Geld, wenn die Krone wieder einmal auf Tauchfahrt ging.

Doch seit vergangenem Herbst ist auch in Island nichts mehr in Ordnung: Die Inflation kletterte auf 14,5 Prozent, die Wirtschaft stagniert, und die isländische Krone hat seit Jahresbeginn mehr als ein Viertel ihres Wertes gegenüber dem Dollar eingebüßt. Zentralbankchef Oddsson musste mehrfach einschreiten und tat es jedes Mal mit Macht. Mittlerweile hat seine Zentralbank den Leitzins auf rekordverdächtige 15,5 Prozent erhöht, nur die Türkei und Serbien haben in Europa höhere Zinsen. Geholfen hat es wenig, das Vertrauen in Islands Finanzen ist futsch, diese Woche senkten die Ratingagenturen Fitch und Moody?s ihre Bewertungen der großen Banken.

Oddsson fühlt sich eigentlich wohl, wenn es um ihn herum brodelt. Er hat Erfahrungen mit Turbulenzen: 13 Jahre lang war "König Dabbi", wie er liebevoll genannt wird, Regierungschef über knapp 300 000 Einwohner. Auch das kein geruhsamer Posten. Doch um den Schlaf gebracht hat ihn die Politik nie, die Finanzkrise schon. Anfang der Woche musste er grünes Licht für die Quasi-Verstaatlichung der Glitnir Bank geben. Für 600 Mill. Euro kaufte die Regierung drei Viertel der Bank. Geholfen hat es nicht: Am Mittwoch gab Glitnir eine Gewinnwarnung aus. Und der Finanzkonzern Straumur-Burdaras übernahm die Corporate Finance-Sparte von Landsbanki. Hektische Zeiten für den Mann, der in seiner Freizeit am liebsten Theaterstücke und Kurzgeschichten schreibt.

Von der Politik in die Bank

1948: David Odsson wird am 17. Januar in Reykjavik geboren. Nach der Schule engagiert er sich in der konservativen Unabhängigkeitspartei, studiert Jura und arbeitet später als Journalist. Nebenbei schreibt er Theaterstücke und Kurzgeschichten.

1982: Wahl zum Bürgermeister von Reykjavik, er führt die Geschicke der Stadt neun Jahre lang.

1991: Seine Erfolge in Reykjavik verhelfen Oddsson zu enormer Popularität auf der Insel im Nordatlantik. Er tritt zu den Parlamentswahlen an - und gewinnt. 13 Jahre lang führt er das Land als Ministerpräsident. Und wird damit Europas am längsten amtierender Regierungschef.

2004: Nach politischen Querelen gibt er das Amt auf und wird Außenminister.

2005: Oddsson übernimmt die Leitung der isländischen Zentralbank und kämpft um Vertrauen in das isländische Finanzsystem.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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