Defizite bei Unabhängigkeit und Arbeitsintensität
Harte Kritik an Aufsichtsräten

Die Qualität deutscher Aufsichtsräte bleibt weit hinter internationalen Standards zurück. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Untersuchung der führenden Personalberatung Heidrick & Struggles unter 320 Top-Unternehmen aus elf europäischen Ländern, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.

DÜSSELDORF. Durch diese Studie kommt neue Bewegung in die Diskussion über Corporate Governance in Deutschland. Vor allem die Vorgänge im Aufsichtsrat von Siemens hatten in den zurückliegenden Wochen für grundsätzliche Kritik gesorgt. Nach dem Rücktritt von Siemens-Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer drückte sein Nachfolger Jürgen Cromme die Ablösung des Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld durch, ohne einen Nachfolger zu präsentieren. Von Pierer war 2005 direkt aus dem Vorstands- in den Aufsichtsratsvorsitz gewechselt. Nach Ansicht vieler Kritiker behinderte seine Vergangenheit die Aufklärung der jetzigen Korruptionsaffäre in dem Konzern.

Heidrick & Struggles bescheinigt den deutschen Aufsichtsräten generell mangelhafte Unabhängigkeit, geringe Internationalisierung und vergleichsweise niedrige Arbeitsintensität. Die führenden Dax-30-Konzerne erreichen im internationalen Vergleich nur 72 Prozent der maximalen Punktezahl und landen damit auf dem letzten Platz. Sieger in diesem Ranking sind die Unternehmen aus Großbritannien (92 Prozent), gefolgt von den Niederlanden. Heidrick & Struggles untersucht seit 1999 regelmäßig die Governance-Strukturen von Boards und Aufsichtsräten. Das deutsche Recht schreibt Kapitalgesellschaften ein zweistufiges System mit Vorstand und Aufsichtsrat vor. In Ländern wie Großbritannien vereinigen die Boards operativ tätige Manager und externe Kontrolleure.

Nach der neuen Studie konnte Deutschland die Professionalität seiner Aufsichtsräte im Laufe der vergangenen Jahre deutlich steigern. Die Standards seien kontinuierlich besser geworden, sagt Heidrick-&-Struggles-Partner Stefan Fischhuber. Der Nachholbedarf sei in Deutschland aber weiter groß. So treffen sich deutsche Aufsichtsräte durchschnittlich nur 4,4-mal im Jahr, Italiener tagen bis zu zwölfmal. Der Schnitt in Europa liegt laut Studie bei 8,7 Sitzungen.

Als Hemmnis für eine gute Unternehmensführung erweist sich in Deutschland vor allem die gesetzlich festgeschriebene Mitbestimmung von Arbeitnehmervertretern in Aufsichtsräten. Nach den geltenden Bestimmungen müssen die Kontrollgremien großer Aktiengesellschaften paritätisch mit Vertretern von Kapital- und Arbeitnehmerseite besetzt sein. Dadurch wird die Größe der Aufsichtsräte im Vergleich erheblich aufgebläht.

Die Dax-30-Konzerne haben fast ausschließlich 20-köpfige Aufsichtsgremien, die zu mangelnder Effizienz und damit einer niedrigen Punktewertung in der Studie führen. „Die Bundesregierung muss sich fragen, ob wir uns das auf Dauer leisten können“, sagt Personalberater Fischhuber. Einige Konzerne wie die Allianz und BASF wandeln sich bereits in Europa-Gesellschaften um. Damit erhalten sie die Möglichkeit, ihre Aufsichtsräte zu verkleinern und die Mitbestimmung ein Stück zurückzudrängen.

Defizite sieht die Studie in Deutschland zudem in Sachen Globalisierung der Aufsichtsräte. So beschäftigt Daimler-Chrysler beispielsweise nur 167 000 Mitarbeiter von insgesamt 360 000 in Deutschland. Im Aufsichtsrat sitzen aber ein amerikanischer Gewerkschaftsvertreter und neun deutsche Arbeitnehmer. Auf der Kapitalbank des Konzerns besitzt immerhin die Hälfte der zehn Vertreter einen ausländischen Pass.

Ähnliches gilt für fast alle Dax-30-Konzerne. Ganz extrem sind die Verhältnisse beispielsweise beim Chemie- und Pharmakonzern Bayer: Dort findet sich kein einziger Ausländer in der Aufsichtsratsliste. Deutsche Kontrollgremien, sagt Fischhuber, „bewegen sich im nationalen Saft“. In der Schweiz sind die Aufsichtsräte dagegen zu 45 Prozent international besetzt. Auch die Niederlande (36 Prozent) und Großbritannien (31 Prozent) schneiden wesentlich besser ab als Deutschland.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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