Delphi
Steve Miller: Immer nur Vollgas

Steve Miller hat den US-Autozulieferer Delphi aus der Insolvenz geführt – mit einer Radikalsanierung. Dabei hat er sich viele Feinde gemacht. Noch immer bekommt er Mails, in denen ehemalige Mitarbeiter ihn zur Hölle wünschen. Da braucht man ein dickes Fell. Ein Porträt.
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NEW YORK. Robert S. Miller ist Turbulenzen gewohnt, zeitweise hat er sie wie ein Magnet angezogen: Er stehe in den Gelben Seiten unter dem Stichwort „Flammendes Desaster“, hat Miller, Spitzname „Steve“, einmal scherzhaft über sich gesagt. Nach vier Jahren Schlammschlacht beim ehemals weltgrößten Autozulieferer Delphi steht fest: Der Mann hat nicht übertrieben. Das jetzt beendete Konkursverfahren des Magna- und Bosch-Konkurrenten war mit vier Jahren nicht nur eines der längsten in der Geschichte der US-Wirtschaft, sondern auch eines der schmutzigsten.

Miller war der Mann, der sanieren musste, zunächst als CEO von Delphi, später als Chairman. Obwohl er sich selten öffentlich äußerte, stand er stets im Mittelpunkt – mal als Bogenschütze, mal als Zielscheibe. Noch heute bekomme er E-Mails von Pensionären, die ihn zur Hölle wünschten, bekennt der 67-Jährige in einem Interview mit dem „Wall Street Journal“. Als „kapitalistischen Teufel“ hat ihn die Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) beschimpft, weil er sich und seinen Verbündeten Millionen-Boni genehmigte, während in den USA eine Delphi-Fabrik nach der anderen schloss und Zehntausende Mitarbeiter ihre Jobs verloren. Von den einst 44 Betriebsstätten gehören heute gerade noch vier zu Delphi, vier weitere hat die frühere Konzernmutter General Motors zurückgekauft, um ihre eigene Autoproduktion nicht zu gefährden. Der Rest ist Geschichte, nachzulesen auf dem Friedhof der US-Autozulieferer, von denen bisher 75 in die Pleite rutschten.

Delphi hat den Gläubigerschutz am Dienstagabend offiziell verlassen, mit großer Mühe und erst im dritten Anlauf. Der Großteil des Konzerns aus Troy, Michigan, wurde an die Gesellschaft Delphi Holdings LLP veräußert, die von den größten Kreditgebern Elliott Management und Silver Point Capital angeführt wird. Das Unternehmen, das weltweit noch immer mehr als 100 000 Mitarbeiter beschäftigt, will sich künftig neben der Fahrzeugelektronik auf Sicherheitskomponenten, Motoren sowie herstellerunabhängige Ersatzteile konzentrieren.

Miller macht den nächsten Haken in einem Notizblock, der ihn längst als führenden US-Sanierer ausweist. Er wird als Chairman von Delphi zurücktreten und nutzt diesen Anlass zu einer kurzen Beichte: Er entschuldige sich bei vielen Arbeitern und Pensionären, die im Zuge des Konkurses leiden mussten, sagt er im „Wall Street Journal“.

Dass die Mitglieder der Gewerkschaft UAW die ausgestreckte Hand ergreifen werden, ist kaum zu erwarten. Auf dem Höhepunkt der Kapriolen hatten sie 2006 Schilder vor dem Büro des Delphi-Chefs aufgestellt mit den Worten: „Miller ist nicht einen Dollar wert“. Vorausgegangen waren Grabenkämpfe, bei denen sich Miller in der Rolle des Hardliners gefiel: Er könne es sich nicht erlauben, 65 Dollar Stundenlohn für Mitarbeiter auszugeben, die den Rasen mähen, hatte Miller unter anderem betont. Die UAW nahm die Kampfansage an und veröffentlichte die Gehälter des Managements. Derart unter Beschuss genommen, ließ sich Miller sein Jahressalär von 1,5 Mio. Dollar nach offizieller Lesart auf einen symbolischen Dollar zusammenstreichen. Heute sagt er: „Ich bedauere, dass es so weit kommen musste.“

Miller, ein bulliger Typ mit Halbglatze und sonnengebräunter Haut, hat sich früh in seiner Karriere einen Ruf als gewiefter Sanierungsexperte erworben: Schon 1979 steigt er beim Autobauer Chrysler zum Finanzvorstand auf. Dort handelt er einen komplexen Finanzdeal mit Investoren aus, die den chronischen Sanierungsfall aus Auburn Hills über Wasser halten. In der Folge wird Miller von Investoren stets dorthin gelockt, wo es lichterloh brennt: Er saniert beim Recyclingkonzern Waste Management, beim Versicherer Aetna und überaus erfolgreich beim Autozulieferer Federal-Mogul. Im September 2001, zwei Wochen nach den verheerenden Terroranschlägen in New York, wird er zum Vorstandschef des führenden, aber insolventen US-Stahlkonzerns Bethlehem Steel ernannt. Miller kennt die Problematik, die Muster in der Stahl- und der Autoindustrie ähneln sich: Die Konkurrenz im Ausland produziert billiger, die Kostenstrukturen sind im internationalen Vergleich zu hoch, und steigende Gesundheitskosten für Mitarbeiter und Pensionäre liegen wie Mühlsteine um den Hals der traditionsreichen US-Produzenten. Miller setzt durch, dass 95 000 Pensionäre samt Angehörige beim Ex-Marktführer Bethlehem Steel ihre Ansprüche in Sachen Lebens- und Gesundheitsversicherung verlieren. 2003 verkauft er die Firma für 1,5 Mrd. Dollar an die International Steel Group.

Derart mit Federn geschmückt, übernimmt er 2005 den nächsten Feuerwehreinsatz: Delphi. Dass die Sanierung zeitweise derart aus dem Ruder lief, erklärt der Veteran mit der besonderen Situation des Patienten: „Unsere Produktionskosten lagen fast dreimal höher als bei anderen gewerkschaftlich organisierten US-Zulieferern.“ Seinen Erfolg will sich Miller trotz aller Kritik nicht nehmen lassen: Delphi trete aus der Insolvenz, wie Miller beteuert, „mit einer der stärksten Bilanzen in der Autoindustrie“.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland

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