Der 62-Jährige wird neuer Chef von ABB
Jürgen Dormann: Der Tempomacher

Manager des Jahres war er bereits 1995, Hoechst und Rhône Poulenc hat er mit Erfolg zu Aventis fusioniert. Jetzt übernimmt Dormann den Chefposten bei ABB. Wem will er was beweisen?

Eigentlich hat er alles erreicht. Bereits 1995 war er Deutschlands Manager des Jahres. Er hat den Frankfurter Chemiekonzern Hoechst radikal umgebaut, ihn mit der französischen Rhône-Poulenc fusioniert und daraus Aventis, das sechstgrößte Pharmaunternehmen der Welt, geformt. Vor drei Monaten ist er von der Aventis-Spitze zurückgetreten. Und mit 62 ist er in einem Alter, in dem er allmählich kürzer treten und sich mehr um seine Enkelkinder kümmern könnte.

Doch Jürgen Dormann will es noch einmal wissen: Er hat den Chefposten beim schwer angeschlagenen schwedisch-schweizerischen Anlagenbaukonzern ABB übernommen. Womöglich ein Himmelfahrtskommando, gewiss aber ein klarer Abstieg, verglichen mit dem Posten, den er noch vor zwei Monaten hätte haben können. Anfang Juli war Dormann noch als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom im Gespräch.

Es könnte das Pflichtbewusstsein sein, das ihn antreibt. Im November 2001 trat Dormann die Nachfolge von Percy Barnevik als Präsident des Verwaltungsrates bei ABB an. Bei der Auswahl des bisherigen Konzernchefs Jörgen Centerman spielte er eine mitentscheidende Rolle. Zugleich könnte es aber die Ungeduld sein, die Dormann dann zeigt, wenn sich notwendige Änderungen nicht schnell genug vollziehen. Dann packt er lieber selber an – seinen Drang zur Neugestaltung von Konzernen hat er oft genug bewiesen.

Völlig überraschend ist Dormanns Rückkehr ins operative Geschäft zumindest für diejenigen nicht, die ihn schon lange kennen. Er selbst lässt sich allerdings nicht in die Karten gucken – zumindest nicht, wenn es um sein Innenleben geht und um das, was ihn auch als Manager persönlich bewegt. Das Lamentieren über Gefühle ist dem gebürtigen Heidelberger mit dem kühlen, hanseatischen Einschlag eher zuwider. Schließlich hält ein Zuviel an Emotionen Unternehmen und seine Mitarbeiter nur von unangenehmen, aber nicht aufschiebbaren Entscheidungen ab, wie er glaubt.

Vor solchen Entscheidungen hat sich der analytisch denkende Dormann nie gescheut. Das Paradebeispiel dafür ist die Zerschlagung des Chemie- und Pharmakonzerns Hoechst, den er gegen alle Widerstände zerlegte und zu einem neuen Firmengebilde zusammensetzte. Wenn Dormann heute über diese Entscheidung spricht, dann bereut er nichts – im Gegenteil: Er fragt sich, ob er während der Fusion zum neuen Aventis-Konzern manchen Schritt nicht schnell genug gemacht habe.

Ein zu zögerliches Vorgehen nervt ihn. Aber natürlich drückt Dormann so etwas in seiner sehr intellektuellen Denkweise ganz anders aus: „Wenn die Kraft zur rechtzeitigen Gestaltung nicht da ist, kann ein Unternehmen in Phasen hineingeraten, in denen dann schier Unzumutbares durchgezogen werden muss“, sagte er im vergangenen Jahr mit Blick auf die Zerschlagung von Hoechst. Er könnte diesen Satz zur Charakterisierung der momentanen Situation von ABB genau so wiederholen.

Gesellschaftlicher Glanz und Prominenz, die das Amt eines Konzernchefs selbst in der Schweiz mit sich bringen, dürften für Dormann kaum Motive gewesen sein, den Chefsessel bei ABB zu besteigen. Der hagere, asketisch wirkende Manager meidet öffentliche Auftritte. Für einen Mann in seiner Funktion ist er ungewöhnlich scheu. Dormann ist kein begnadeter Redner, sondern, wie er selbst sagt, eher ein guter Zuhörer. Wenn er spricht, dann leise, oft nicht griffig und leicht, sondern seine komplexen Gedanken dozierend. Zuhörer können oft nur schwer folgen.

Seinen Führungsstil beschreibt Dormann selbst als konsensorientiert. Das freilich sehen seine ehemaligen Mitarbeiter anders: Als Vorstandschef von Hoechst wandelt sich Dormann zum „bestgehassten“ Konzernchef Deutschlands. Der Vater von vier Kindern überrumpelt Mitte der neunziger Jahre die Belegschaft mit seinem radikalen Vorgehen. Nachdem er das traditionelle Firmenlogo mit Turm und Brücke eliminiert und den Stellenabbau in der Pharmaforschung angekündigt hat, kommt es zur größten Demonstration der Hoechst-Geschichte: 8 000 Beschäftigte protestieren gegen den Kurs ihres Chefs.

Doch eines wusste Dormann immer: Viele, die ihn vorher angreifen, klopfen ihm nachher auf die Schulter. Vor allem die Aktionäre, die von der Fusion zu Aventis kräftig profitiert haben. Dormann agiert sachlich, er denkt langfristig und entscheidet hart und schnell. Für den neuen Chef von ABB, der viel Vertrauen an der Börse zurückgewinnen muss, sind dies nicht die schlechtesten Eigenschaften.

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