Der Chef der dänischen Brauerei arbeitet am liebsten im Verborgenen: Carlsberg: Andersens Bierchen

Der Chef der dänischen Brauerei arbeitet am liebsten im Verborgenen
Carlsberg: Andersens Bierchen

Von innen hat er einen phantastischen Blick: Aus dem 20. Stockwerk am Ny Carlsberg Vej 100 schaut Nils Smedegaard Andersen über die Silhouette Kopenhagens, sieht am Horizont den Öresund und kann die südschwedische Metropole Malmö erahnen.

KOPENHAGEN. Doch wer da meint, der Blick sei genauso frei in die entgegengesetzte Richtung, irrt sich schwer. Der 46-jährige Chef der Carlsberg Breweries lässt sich nicht gern in die Karten schauen, gilt in seinem Land, in dem normalerweise Wirtschaftsgrößen zu Ikonen wachsen, als ein nahezu unbeschriebenes Blatt.

Dabei leitet er seit 2001 das neben Lego wohl bekannteste Unternehmen des Königreichs: Carlsberg ist weltweit ein Synonym für gutes Bier. Der Konzern mit einer jahrhundertealten Tradition hat das Bild vom gemütlichen Dänen über die ganze Welt verbreitet. Er selbst schaut so aus, als würde er alkoholfreie Getränke bevorzugen. Doch weit gefehlt: „Ich trinke am liebsten Bier, ein paar am Tag und vorzugsweise aus eigener Produktion“, sagte der jugendlich wirkende Vorstandschef einmal.

Lange suchen muss er nicht. Carlsberg ist mittlerweile der weltweit fünftgrößte Brauereikonzern, hat in den nordeuropäischen Ländern mit seinen verschiedenen Biersorten einen Marktanteil von bis zu 45 Prozent.

Doch auf den Manager, der in seinem Heimatland nur Smedegaard – sein zweiter Nachname – genannt wird, kommen harte Zeiten zu: Billigbiere und Steuersenkungen bei alkoholischen Getränken vor allem in Nordeuropa machen ihm das Leben schwer. Andersen wurde denn auch im vergangenen Jahr von der dänischen Presse des öfteren angegriffen, weil er kein Patentrezept gegen die Billigbrauer vorlegen konnte. Aber Andersen nahm es bisher gelassen, deutete allerdings kurz vor Weihnachten an, dass er der Niedrigpreis-Konkurrenz durchaus ein preiswertes Carlsberg-Bier entgegensetzen könne. „Klar, wenn wir das für unsere Verteidigung brauchen, machen wir es. Aber mein Herz schlägt nicht dafür.“

Das schlägt bei ihm vielmehr für die weitere Expansion des Konzerns. Gestern erklärte er im Hamburger Dorint-Hotel offiziell, dass Carlsberg die Mehrheit an der Holsten-Brauerei übernommen habe. Außerdem wolle er in den baltischen Staaten, in Asien und auch noch in Europa wachsen. Dafür hat er rund 20 Milliarden Kronen (2,8 Mrd. Euro) zurückgelegt.

Seine bislang größte Herausforderung hat der Mann, der sein gesamtes Berufsleben in der Lebensmittel- und Getränkebranche verbracht hat, gut gemeistert. Denn die Leitung von Carlsberg ist nicht einfach. Hält doch eine Stiftung der Gründerfamilie gut die Hälfte des Kapitals und etwa 80 Prozent der Stimmrechte an der Carlsberg AS. Damit war die Brauerei gehandikapt, konnte nicht so frei an der Konsolidierung der vergangenen Jahre teilnehmen. Deshalb wurde eine Tochtergesellschaft, die Carlsberg Breweries, gegründet, an der die Carlsberg AS 60 Prozent und der norwegische Lebensmittelkonzern Orkla die restlichen 40 Prozent hält. Andersen übernahm die Leitung.

Andersen kann richtig durchgreifen

Der neue Chef des dänisch-norwegischen Joint Ventures konnte schon nach kurzer Zeit die Kronkorken knallen lassen: Umsatz und Gewinn schossen nach oben, auch, weil Andersen mit harter Hand sämtliche Rationalisierungsmöglichkeiten nutzte. „Er ist zwar ein recht guter Diplomat“, sagt ein Geschäftsfreund, der ihn gut kennt, „doch wer glaubt, man könne ihn um den Finger wickeln, täuscht sich gewaltig“. Andersen, der mit seiner schmalrandigen Brille und dem recht konservativen Outfit eher zurückhaltend auf seine Umgebung wirkt, kann richtig hart durchgreifen: Viele Mitarbeiter haben das erlebt, wenn der oberste Boss ihnen kurzerhand die Schließung ihrer Brauerei mitteilte.

Das kam in der Vergangenheit häufiger vor. Auch, weil der Wachstumsdurst der Dänen die Kartellbehörden vor allem in Nordeuropa zum Zudrehen des Hahns zwang. So musste Carlsberg einige Brauereien in Schweden schließen und die Vertriebsrechte für Getränke abgeben.

Doch trotz dieser erzwungenen Zurückhaltung macht der Konzern auf dem west- und nordeuropäischen Markt immer noch ein Drittel des Gesamtumsatzes von rund 35,5 Mrd. Kronen. Groß ist Andersen in der ehemaligen Sowjetunion im Geschäft. Mit der Biermarke Baltika, die er mit dem britischen Konkurrenten Scottish & Newcastle vermarktet, versorgt er dort jeden dritten Bierfreund.

Aber der Pro-Kopf-Konsum ist auch dort in der letzten Zeit deutlich gesunken. Andersen, der über sein Privatleben gar nichts verlauten lässt, hat also noch einiges zu tun. Auch in Deutschland, wo der ehemalige Hannen-Alt-Manager nun den Vorsitz im Aufsichtsrat der Holsten-Brauerei übernehmen soll.

Über eines muss er sich keine Gedanken machen: Eine feindliche Übernahme von Carlsberg ist ausgeschlossen. Dafür sorgt schon die Konstruktion mit der Stiftung, die über die totale Kontrolle verfügt.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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