Der Chef des Flughafens Köln/Bonn
Entscheiden im Akkord

Michael Garvens sorgt am Flughafen Köln/Bonn für kräftigen Wirbel und genießt die aufkommende Euphorie.

HB LONDON. Es ist, als stünde da ein kleiner Junge mitten im Disney-Wunderland: Die Blicke neugierig, die Mundwinkel zu einem Lächeln verzogen, das Staunen im ganzen Gesicht: „Gucken Sie mal da oben, die Architektur ist von Sir Norman Foster“, schwärmt Michael Garvens. Und dort erst, die vielen kleinen Shops mit hellem Lichtspiel, schickem Design und edlen Marken. Da drüben, eine gemütliche Bar zum Plauschen, gleich daneben ein Edel-Bistro. „Wunderschön“ findet Garvens „diese ganz besondere Atmosphäre“.

Für den Chef des Flughafens Köln/Bonn liegt das Wunderland hier am Airport London-Stansted: Ein Unternehmen, das richtig gutes Geld verdient, obwohl sein größter Kunde, die irische Ryanair, einen notorischen Sparfimmel hat. Doch das Konzept mit dem aggressiven Preisbrecher als Zugpferd geht dort auf: Ryanair bringt Millionen von Passagieren nach Stansted, und die Passagiere bringen ihr Taschengeld zum Flughafen – gerne auch mehr. „Der Gast ist vor dem Flug in einer ganz speziellen Stimmung. Diese Atmosphäre kann kein Einkaufszentrum entwickeln“, sagt Garvens.

Der groß gewachsene Hamburger Kaufmann mit Pilotenschein hat ein unternehmerisches Ziel: Das Erfolgsmodell London-Stansted soll nach Köln/Bonn transportiert werden. Möglichst direkt, ungeschminkt und vor allem – möglichst schnell. Geduld ist dabei nicht seine Sache. Trefflich lästern kann er über „vierfarbige Power-Point-Präsentationen“ und „unproduktive Meetings“, die allen nur die Zeit stehlen. Stattdessen hören Mitarbeiter regelmäßig Schlachtrufe wie: „Ran und druff“. Soll heißen: Wo andere Manager sorgfältig Vor- und Nachteile abwägen, hin- und herdiskutieren und zögern und zaudern, sorgt Garvens in der Flughafenzentrale neuerdings für schnelle Entscheidungen – gleichgültig, ob es um neue Gastronomieverträge geht oder um einen kompletten Wechsel der Strategie. „Die Märkte ändern sich gerade im Luftverkehr derart schnell. Da ist manches Konzept schon überholt, kaum dass es fertig ist“, begründet Garvens seine Unruhe. Innerhalb weniger Monate hat er am früheren Regierungsflughafen nahezu die komplette Führungsmannschaft ausgetauscht. Weil ihm unter den Glasdächern „hier alles noch viel zu steril ist“, sind in Windeseile Publikumsmagneten wie Burger King oder Leysieffer eingezogen. Starbuck’s soll bald folgen. Und als im Vorjahr die deutschen Billigflieger anklopften, war nach kaum sechs Wochen klar: Köln/Bonn wandelt sich zum Low-Cost-Flughafen, obwohl der Aufsichtsrat die Stirn in Falten legte und anfangs gegen das neue Konzept protestierte. Die Skepsis war groß, weil Billigfluglinien gewöhnlich hohe Zugeständnisse fordern und damit die Gebührenstruktur der Flughäfen durcheinander bringen.

Die ein oder andere Schampusflasche geleert

Inzwischen wurde in Köln/Bonn bereits die ein oder andere Schampusflasche geleert – der jüngsten Erfolge wegen. Wenn Garvens morgen öffentlich über den Geschäftsverlauf des Jahres 2002 berichtet, dürften ihm wieder einige Superlative wie „enorm“, „riesig“ oder „sensationell“ herausrutschen. In der Tat sind die Zuwächse in Köln/Bonn außergewöhnlich für eine Zeit, in der Lufthansa & Co. die schlimmste Krise der Luftfahrtgeschichte beklagen. Dank der expandierenden Fluglinien Germanwings und Hapag-Lloyd Express liegt das Passagierwachstum derzeit über der 50 %-Marke. Das selbst gesteckte Ziel, am Jahresende auf 7,5 Millionen Passagiere zu kommen, dürfte die neue deutsche Hauptstadt der Billigflieger locker erreichen. „Auch an absoluten Zahlen gemessen, sind wir inzwischen der am stärksten wachsende Flughafen Deutschlands“, jubelt Garvens.

Derart wortgewaltige Höhenflüge sind dem Rest der deutschen Flughafenbranche, die von Hamburg bis München mehr oder minder unter der schwachen Konjunktur zu leiden hat, mitunter suspekt: „Einen Hang zur Inszenierung“ bescheinigen ihm Managerkollegen unter der Hand – wohl auch deshalb, weil der Aufstieg des 45-jährigen Hobbyfliegers für die Branche so schnell und überraschend kommt wie manche seiner Entscheidungen.

Bei den 1750 Flughafen-Mitarbeitern und 160 weiteren Firmen, die auf dem Airport-Gelände arbeiten, hat Garvens derweil längst einen Stein im Brett: „Er gilt als der Mann, der den Flughafen aus einer schweren Krise geführt hat,“ heißt es im Umfeld des Unternehmens. Bis Oktober 2002 trug Köln/Bonn wegen hoher Passagiereinbrüche noch die rote Laterne unter allen deutschen Flughäfen. Jetzt wird fleißig Personal eingestellt. Nach der Faustformel der Verkehrsexperten sorgt ein Passagierzuwachs von einer Million Kunden für etwa 1 000 zusätzliche Arbeitsplätze rings um den Flughafen.

Ansätze von Euphorie zu bekämpfen, sieht Garvens nicht als seine vordringliche Aufgabe an. Sein ausgeprägter Ehrgeiz stachelt ihn vielmehr zu neuen Taten an. Sein Steckenpferd ist das Non-Aviation-Geschäft – mithin alle Aktivitäten im Innenteil des Flughafengebäudes. Wieder geht der Blick zum Vorbild London-Stansted: Fast 60 % seiner Umsätze macht der britische Flughafen schon außerhalb der Fliegerei, in Köln/Bonn sind es bisher erst 20 %. Garvens sieht deshalb „noch ungeheure Ertragspotenziale“ und krempelt den Airport weiter um. Zum Golfspiel, das er seit seinem zehnten Lebensjahr betreibt (Handicap 16), bleibt da kaum Zeit. Wenn er Sport treibt, dann aber fast so verbissen wie am Schreibtisch: „Mit dem kann man während des Spiels nicht reden“, klagt ein Geschäftsfreund – „bei dem Ehrgeiz“.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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