Der ehemalige US-Notenbankchef
Greenspan orakelt jetzt in die eigene Tasche

Mehr als 18 Jahre lang hat Alan Greenspan seine Geheimnisse als Notenbanker gehütet wie einen Schatz. Kein Wort zu viel kam ihm über die Lippen. Eine Woche im Ruhestand, und der 79-Jährige plaudert so munter drauf los, dass die Finanzmärkte nervös zu zucken beginnen.

NEW YORK. Nachdem Greenspan bei einem privaten Abendessen der New Yorker Investmentbank Lehman Brothers angeblich über die Stärke der US-Wirtschaft philosophiert haben soll, regt sich an der Wall Street und in Washington der erste Unmut über die neue Offenherzigkeit des Zentralbankers a. D.

Nach Meinung einiger Wall-Street-Händler hätte Greenspan zumindest warten sollen, bis sein Nachfolger Ben Bernanke am Mittwoch seinen ersten Auftritt im Kongress hinter sich hat. Der neue Chef der Federal Reserve (Fed) wird es so noch etwas schwerer haben, aus dem langen Schatten Greenspans herauszutreten. "Bernanke führt die Fed, aber jeder hört auf Greenspan", stichelt US-Senator Jim Bunning, ein eingefleischter Kritiker des früheren Notenbankchefs.

Kurios ist die Geschichte auch deshalb, weil niemand genau weiß, was der alte "Maestro" im kleinen Kreis von Hedge-Fonds-Managern überhaupt gesagt hat. Einige glauben, er habe über Gold und Öl gesprochen. Anderen zufolge hat er angedeutet, dass die Leitzinsen in den USA noch weiter steigen dürften. Auf jeden Fall hat es gereicht, um den Dollar kurzfristig nach oben und die Anleihekurse nach unten zu schicken.

Greenspan lässt sich die Beratung gut bezahlen

Greenspan hatte bereits vor seinem Abgang wissen lassen, dass er sich weiter zu Wort melden wolle. So hat der ehemalige Fed-Chef eine Beratungsagentur unter dem Namen "Greenspan Associates" gegründet. Zudem will er ein Buch schreiben und berät den britischen Schatzkanzler Gordon Brown - unentgeltlich - in wirtschaftspolitischen Fragen. Wer sonst die Weisheiten des "Orakels" hören will, muss allerdings tief in die Tasche greifen. Lehman soll für den Abend mindestens 125 000 Dollar bezahlt haben. Zuvor hatte Greenspan per Videokonferenz bereits für ein angeblich ähnlich hohes Honorar zu japanischen Investoren gesprochen. Damit hat er in seiner ersten Woche im Ruhestand mehr verdient als in seinem gesamten letzten Jahr an der Fed-Spitze. Ende des Monats ist ein weiterer Auftritt bei der Großbank ABN Amro geplant.

Nach den Buchstaben des Gesetzes ist gegen die Plaudereien nichts einzuwenden, solange Greenspan dabei keine vertraulichen Informationen preisgibt. Er sei jetzt ein freier Agent in eigener Sache, sagt der Fed-Historiker Allan Meltzer. Greenspans Vorgänger Paul Volcker hatte strikte Diskretion gewahrt.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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