Der Einfluss des italienischen Industrieadels bröckelt.
Die neuen Mächtigen der Italien AG

Umberto Agnelli lag noch keine 24 Stunden unter der Erde. Da machte bereits Giuseppe Morchio, seines Zeichens knallharter Exekutivchef der Fiat-Gruppe, dessen Hinterbliebenen ein Angebot, das mindestens so bedeutsam war wie taktlos: Er wolle dem „letzten Agnelli“ als Präsident des größten italienischen Industriekonzerns nachfolgen – ja, mehr noch: Er plane, mit seinem millionenschweren Privatvermögen bei der Agnelli-Holding Ifi einzusteigen und sich vom Manager zum Eigentümer zu wandeln.

MAILAND. Der Rest ist Geschichte. Die Familie zeigte Morchio die kalte Schulter, entließ ihn und installierte mit Ferrari-Chef Luca Cordero di Montezemolo einen Präsidenten, der als Ziehsohn der Turiner Industriellensippe gilt.

Trotz dieses Ausgangs macht die Episode eines deutlich: Die Zeiten, in denen Italiens alteingesessene Unternehmerfamilien unantastbar waren und eine dominierende Rolle in Wirtschaft und Gesellschaft spielten, neigen sich dem Ende zu. Der bis in die neunziger Jahre existierende dreifache Schutz durch geschlossene Märkte, die Politik und die allmächtige und monopolistische Industriekreditbank Mediobanca bröckelt.

Denn anders als in Deutschland, wo die Siemens, Krupps oder Thyssens seit langem nicht mehr auf der Kommandobrücke ihrer Firmen stehen, sind die Gründerfamilien in der Stiefelrepublik bisher noch präsent. „Die Familie bleibt der Dreh- und Angelpunkt des italienischen Unternehmertums“, sagte Montezemolo jüngst in seiner Antrittsrede als Präsident des Industriellenverbandes Confindustria. Egal ob die Nudelbrüder Barilla, der Präsident des gleichnamigen Hausgeräteriesen, Vittorio Merloni, oder Giorgio Armani: alle haben in ihren Unternehmen das letzte Wort und bisher der Versuchung widerstanden, ihre Firmen zu verkaufen.

Doch die Fälle häufen sich, in denen der Industrieadel zu Gunsten einer neuen Generation ins Glied zurücktritt. Beispielsweise hat vor kurzem der Gründer des weltgrößten Brillenherstellers Luxottica, der 69-jährige Leonardo Del Vecchio, das Zepter an den 30 Jahre jüngeren Top-Manager Andrea Guerra abgegeben. Und bei der traditionsreichen Wollweberdynastie Marzotto hat der alte Graf Pietro, der lange die Inkarnation des italienischen Familienkapitalismus war, sein Aktienpaket von 18 Prozent abgegeben. Präsident und Großaktionär ist Antonio Favrin, ein Außenstehender.

Damit vollzieht das 1836 gegründete Unternehmen den Wandel von einem familiengetriebenen zu einem managergetriebenen Unternehmen ebenso wie der Getränkehersteller Campari oder der Bekleidungskonzern Benetton. „Für viele Unternehmer des italienischen Familienkapitalismus wird es wichtiger, Eigentum und Führung zu trennen“, analysiert der bekannte Wirtschaftshistoriker Giulio Sapelli.

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