Der japanische Ministerpräsident im Porträt
Junichiro Koizumi - Provokateur mit konservativer Seele

Schon jetzt hat es Junichiro Koizumi geschafft: Der hagere Politiker mit der grauen Löwenmähne wird spätestens mit seinem Sieg am Sonntag als einer der einflussreichsten Ministerpräsidenten in die japanische Geschichte eingehen.

TOKIO. Fast trotzig wirkte er vor einem Monat, als er in einer emotionalen Rede Neuwahlen ausrief. Doch der Schritt war seit Monaten als eine Strategie in seinem Kopf. Kein Trotz veranlasste den 63 Jahre alten Politprofi, der seit mehr als 30 Jahren Abgeordneter ist, dazu, sondern politische Berechnung.

Die Medien lieben die unkonventionellen Seiten an Koizumi – und die Bevölkerung traut ihm gerade wegen dieser Seiten zu, Reformen in Japan durchsetzen zu können. Der Rebell mit den bunten Hemden, geschieden, Heavy-Metal-Fan, ständig ein ironisches Lächeln auf den Lippen. Der Provokateur mit dem Händchen für öffentlich wirksame Auftritte, der bei seinem Amtsantritt ankündigte, er werde Japan reformieren, auch wenn er dafür seine eigene Partei, die Liberaldemokraten, zerstören müsse. Doch das ist nur die eine Seite Koizumis.

Denn im Inneren schlägt ein konservatives Herz. Koizumi ist der Spross einer mächtigen Politikerfamilie, der die Hierarchien der LDP aufgestiegen ist, mit zwei Ministerämtern belohnt wurde. Sowohl Großvater als auch Vater hatten Ministerämter inne. Nach dem Tod seines Vaters ließ sich Koizumi, Absolvent der renommierten privaten Keio-Universität, in dessen altem Wahlbezirk aufstellen – und scheiterte zunächst. Mit 30 Jahren aber schaffte er 1972 dann den Einzug ins Parlament – und hat seinen Abgeordnetensitz seither nicht mehr abgegeben.

Nach seiner Scheidung nahm Koizumi seine beiden ältesten Söhne zu sich, um die nächste Generation für das Koizumi-Politikerhaus großzuziehen. Seinen jüngsten Sohn hat er dagegen Medienberichten zufolge nie getroffen. Und neben Heavy-Metal-Musik und US-Western mag Koizumi ebenso gerne Wagner und japanisches Kabuki-Theater.

Vertraute berichten, Koizumi liebe Stücke, in denen die gute und die böse Seite klar würde. In dieses Licht stellt Koizumi seinen Kampf gegen die „alten Kräfte“ der LDP seit Jahren, nun tat er das gleiche mit der Postprivatisierung, einem Thema, dem der Politiker spätestens seit seiner Zeit als Postminister 1992 emotional verbunden ist. Insofern war der Konflikt und die jüngste Wahl, die Koizumi völlig auf die Postprivatisierung fokusierte, wie auf den Leib geschneidert gewesen.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%