Der Jargon der Wirtschaft: „Die meisten Manager reden erschreckend einfallslos“

Der Jargon der Wirtschaft
„Die meisten Manager reden erschreckend einfallslos“

Führungsfähigkeit beruht auf Sprachfähigkeit. Doch in den Firmen verkümmert die Sprache, sagt Philosoph Werner, viele Manager reden fantasiefrei. Dabei ist Sprache für den Erfolg wichtig – wie schon Steve Jobs zeigte.
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Unternehmenskultur wird auch von Sprache geprägt. Doch die Zahlen dominieren inzwischen die Buchstaben, sagt der Philosoph Jürgen Werner, Autor des Buches „Tagesrationen. Ein Alphabet des Lebens“. Er kritisiert, dass die Sprache vieler Wirtschaftsköpfe aus der Zeit der Mechanik stamme, obwohl die Sachverhalte viel komplexer geworden seien. Im Interview erklärt er, warum Zahlen nichts erzählen, Metaphern oft nicht passen und Steve Jobs ein Genie der Sprache war.

Herr Werner, kann es sein, dass Sie ein gestörtes Verhältnis zu Zahlen haben?
Jürgen Werner: Wie kommen Sie darauf?

Weil Sie in Ihrem Buch „Tagesrationen. Ein Alphabet des Lebens“ in einem Kapitel über die Sprache der Wirtschaft schreiben: „Die Herrschaft der Zahlen hat dazu geführt, dass Buchstaben sich nicht mehr wie Buchstaben verhalten, sondern wie Zahlen.“ Das müssen Sie erklären.
Damit bezeichne ich einen imperialistischen Anspruch. Nicht die Zahlen sind das Problem. Aber deren Herrschaft. Vor allem in Lebenswelten, in denen sie ihr Talent, genau zu sein, gar nicht recht ausspielen können.

Und zu diesen Lebenswelten zählen Sie auch die Wirtschaft?
Selbstverständlich. Wirtschaft erschöpft sich nicht in Zahlenreihen. In Unternehmen haben wir es nicht zuletzt damit zu tun, dass sich Menschen finden, um etwas Neues zu schaffen, um qualitative Werte zu bilden. Sie sind gesellschaftliche Gebilde, kommunikative Kraftzentren, in denen es auch zu überzeugen gilt, wo ich mich nicht auf präzise Daten berufen kann. Man kann sie nicht nur über „Financials“ steuern. Nicht ich habe also ein gestörtes Verhältnis zu Zahlen, aber die Zahlen stören manchmal die Verhältnisse.

Was ist das überhaupt, Sprache der Zahlen, und warum ist sie so erfolgreich?
Diese Sprache ist geprägt vom Vergleich. Da wird gewogen, eingeschätzt, abgegrenzt. Die Welt erscheint in ihr auf eine faszinierende Weise beherrschbar und berechenbar. Besser oder schlechter bedeutet da nur: Verkauft sich das Produkt gut? Hat ein Mitarbeiter seine Leistung gesteigert? Ist der Aktienkurs gestiegen?

Wo ist das Problem?
In Wahrheit handelt es sich um eine Scheinsicherheit. Zahlen erzählen nichts. Oft verbergen sie sogar, wie sie entstanden sind. Und in jedem Fall verraten sie seltener, als man denkt, wie man zu handeln hat. Aber sie suggerieren, dass man alles im Griff hat. Das ist für einen Manager höchst attraktiv. Dabei verarmt, ja verkümmert seine Sprache. Die meisten Manager reden erschreckend einfallslos und fantasiefrei.

Woran erkennen Sie das?
Am Siegeszug des mechanischen Jargons. Die Liebe zu gestanzten Formeln – auch das ein Sprachbild aus der Mechanik – scheint nicht abzukühlen, selbst in Zeiten, da wir längst mit sehr viel komplexeren Phänomenen zu tun haben. Solche einfachen Wendungen, wie „eng takten“ oder „das Momentum ausnutzen“ stammen aus einer Welt, in der sich über analytische Schärfe und Effizienzorientierung äußerst befriedigende Resultate erzielen lassen.

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