Der konservative Ulrich Reitz wird Chefredakteur
Die WAZ rückt von links nach rechts

Auf einen Wahlsieg der rot-grünen Regierung in Nordrhein-Westfalen bei den kommenden Landtagswahlen im Mai 2005 setzen derzeit wohl nur ausgesprochene SPD- Optimisten. Noch vor der Entscheidung an den Wahlurnen hat die traditionell sozialdemokratische WAZ- Gruppe prophylaktisch den Schwenk nach rechts vorweggenommen: Ulrich Reitz, Chefredakteur der konservativ-katholischen Düsseldorfer Tageszeitung „Rheinische Post“, wird neuer Chefredakteur der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (Auflage 600 000) – eine ungewöhnlichere Kombination ist in der Medienlandschaft kaum vorstellbar.

DÜSSELDORF. Der fünffache Familienvater löst Uwe Knüpfer voraussichtlich im Sommer nächsten Jahres ab. Welche Aufgaben Knüpfer, 49, der die WAZ seit Oktober 2000 durch schwieriges Fahrwasser steuerte, übernehmen wird, ist unklar. Auch die Nachfolge von Reitz auf dem Chefsessel der „Rheinischen Post“ ist noch ungeklärt.

Der 43-jährige Reitz, der im Düsseldorfer Stadtteil Kaiserswerth wohnt, war fast sieben Jahre lang Chef des Blattes. Erst kürzlich verpasste er der Zeitung (Auflage 413 000) ein neues Outfit. Das modernere Design kam bei der Leserschaft gut an. Doch der gelernte Politikwissenschaftler hatte mit der stramm rechten Ausrichtung seiner Zeitung sich nicht nur Freunde gemacht. Kritiker werfen ihm vor, mit der „Rheinischen Post“ die Region zu sehr zu polarisieren. Auch die eigenwillige Themengewichtung auf Seite eins war nicht jedermanns Geschmack.

Der Wechsel von Reitz auf den Chefsessel der WAZ gilt in der Branche als Sensation. Denn bisher galt WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach (SPD), ehemals Kanzleramtsminister unter Gerhard Schröder und danach EU-Kosovo-Beauftragter in Brüssel, als Garant für die sozialdemokratischen Interessen. In der Vergangenheit wurde auch Klaus Schrotthofer, 37, für den WAZ-Chefsessel ins Gespräch gebracht.

Doch der ehemalige Sprecher des früheren Bundespräsidenten Johannes Rau und Ex-Vize der „Berliner Zeitung“ wird nun im Dezember Chefredakteur der „Westfälischen Rundschau“ (Auflage 190 000) und ersetzt Frank Bünte, der Ende des Jahres in Ruhestand geht.

Reitz, einst Innenpolitik-Ressortleiter der „Welt“ und Leiter des Bonner Büros von „Focus“, ist ein Chefredakteur mit ausgeprägtem Marktsinn. Er versteht es, sein Blatt geschickt in Szene zu setzen. Dies dürfte einer der Gründe sein, warum Hombach ihn nach Essen lockt: Aus dem publizistischen Leichtgewicht WAZ soll ein Schwergewicht werden.

Denn die WAZ gilt als journalistisch wenig anspruchsvolles Blatt. Auch Reitz hielt von der Konkurrenz aus Essen bisher wenig. Vor Monaten sagte er dem Branchenblatt „Horizont“: „Die Aufgabe der Redaktion ist es, durch ständige Qualitätssteigerungen die Basis für verbesserte Vertriebserlöse zu legen. Wir halten es heute nicht mehr für nötig, uns an den Preisvorstellungen der WAZ zu orientieren, weil die Qualitätsentwicklung bei uns anders ist.“

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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