Der mögliche neue Chef des RAG-Konzerns im Porträt: Werner Müller: Der große Unscheinbare

Der mögliche neue Chef des RAG-Konzerns im Porträt
Werner Müller: Der große Unscheinbare

Wenn Werner Müller etwas zu verhandeln hat, dann ist es fast immer so, als wolle er es sich gemütlich machen wie daheim in seinem Haus in Mülheim an der Ruhr. Er zieht sich das Jackett aus, steckt sich eine seiner hellbraunen Zigarillos an, bestellt sich, wenn es sich um keinen Abendtermin handelt, einen schwarzen Tee und lehnt sich zurück in seinen Sessel. Dann beginnt er zu sprechen, langsam, sehr langsam und vor allem leise, so leise, dass manchmal sogar Diktiergeräte versagen.

DÜSSELDORF. Umso gefährlicher wäre es, diesen im ersten Moment jungenhaften und wenig aufregenden Menschen zu unterschätzen. Der Mann kann geistreich sein und manchmal sogar verletzend, ein mutiger Vordenker und intellektueller Feinschmecker, der sich nicht scheut, das Tagebuch des Briten Samuel Pepys, der im 17. Jahrhundert gelebt hat, als Lieblingslektüre anzugeben.

Insofern hat Dr. phil. Werner Müller eine Kunst daraus gemacht, als der große Unscheinbare aufzutreten. Das war so, als er seinen Freund und Förderer, den Veba-Chef Rudolf Bennigsen-Foerder, zum kontrollierten Ausstieg aus der Wiederaufarbeitung bewegte. Das war so, als er dem Ministerpräsidenten Gerhard Schröder das Konzept für den Energiekonsens schrieb. Und das war erst recht so, als er für den Bundeskanzler Schröder gegen die aufgeregten Grünen den kontrollierten und sanften Atomausstieg bewältigte. Immer war es die Spezialität Müllers, seine Gedanken aus dem Hintergrund ganz nach vorne zu spielen.

Das schien in dem Moment anders zu werden, als ihn am 19. Oktober 1998 der schon legendäre Anruf des Freundes erreichte, der gerade dabei war, Bundeskanzler zu werden. Im Morgenmantel sei er gewesen, hat Müller erzählt. „Ich brauche dich“, habe Schröder gesagt. Müller folgte, kurz zuvor war der designierte Wirtschaftsminister Jost Stollmann abgesprungen. Müller lächelte damals, als handele es sich um einen Bubenstreich. Doch er kam wirklich, sah sich um in Bonn und blieb. Nur gewinnen konnte er nicht.

In mancher Debatte hat er Akzente gesetzt, viel hat er hinter den Kulissen bewegt, aber Politiker ist er in den vier Jahren bis zum Oktober 2002, als Wolfgang Clement ihn aus dem schönen Sitz am Berliner Invalidenpark verdrängte, nie geworden. Zu seinen Spezialitäten gehörte die Formulierung „Aus Sicht der Wirtschaft“. Das war manchmal ein Vorstoß, zu oft aber war es auch die Klage eines Parteilosen.

Noch einmal lief er zu großer Form auf, als er, da es 2001 um die Neuordnung der Ruhr-Konzerne und die Ruhrgas-Übernahme durch Eon ging, die Finger mächtig mit im Spiel hatte. Dann brauchte Schröder einen Superminister – für Müller gewiss die falsche Rolle. Fest steht, dass er spätestens seit diesen Tagen bei Schröder, dem Männerfreund, noch etwas gut hatte. Jetzt rückt Müller an die Spitze der RAG. Dort muss er beweisen, dass er nicht nur Drehbücher für Kanzler entwerfen, sondern auch Regie führen kann.

Auf die Gewerkschaften wird er sich verlassen können, schließlich hat Müller nicht nur den Kohlekompromiss mit ausgehandelt. Er bringt auch, Sohn des Ruhrgebiets bis hinauf in die weißen Haarspitzen, ein Herz für die Kohle mit. Schwieriger dürfte es mit der Kapitalseite werden. Da sitzt ihm im Aufsichtsrat mit Ulrich Hartmann einer gegenüber, dem Müller eine seiner schweren Niederlagen zu verdanken hat: Machtmensch Hartmann, wie Müller enger Mitarbeiter des damaligen Veba-Chefs Bennigsen, rückte vier Jahre nach dessen Tod an die Spitze der heutigen Eon. Müller aber landete in Gelsenkirchen, wo er sich als Vorstand einer Veba-Tochter um Müll kümmern durfte.

Insofern wird es eines der spannenden Kapitel der Neuordnung an der Ruhr, ob und vor allem wie Müller und Hartmann den Umbau der einstigen Ruhrkohle zu Stande bringen. Eines ist sicher: Müller wird nicht umhinkommen, auch auf den Tisch zu hauen. Wer dem begeisterten Klavierspieler einmal die Hand geschüttelt hat, der weiß, was das für ihn bedeutet.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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