Der Nachfahre des berühmten Archäologen, ist Partner bei einem Londoner Beratungshaus
Henrik Schliemann: Der mit den Schlüsselerlebnissen

Das erste Schlüsselerlebnis hatte er Anfang der achtziger Jahre. Nach Abitur und Bundeswehr begann Henrik Schliemann auf Drängen seiner Eltern die Lehre bei einer großen deutschen Bank. Lange hatte ihn sein Vater, ein weit gereister Ölkaufmann, bearbeitet: „Da hast du was Solides, Junge.“

LONDON. Schon nach zwei Wochen war für den jungen Hamburger Schluss. „Ich habe gesagt: Das halte ich nicht aus“, erzählt Schliemann – heute Partner bei der Londoner Unternehmensberatung Hawkpoint – in seinem Büro, von dem man so schön über die Dächer der britischen Finanzmetropole blickt. Hier fädelt er Übernahmen ein, berät Unternehmen in finanziellen Fragen und baut für Hawkpoint das Deutschlandgeschäft auf.

Immerhin kann der Mann mit den kantig-nordischen Gesichtszügen über das, was damals „nur Horror“ war, inzwischen sanft lächeln. „Ich musste jeden Tag ansehen, wie Berge von Papier bewegt wurden, durfte aber einfach nicht anpacken“, sagt der 39-Jährige und schüttelt dabei noch immer ungläubig den Kopf.

Dann London, plötzlich war alles anders. Auf eigene Faust an die Themse gereist, klopfte Schliemann überall in der City an, bekam einen Job bei einer Bank. Sein englischer Boss schaute am ersten Morgen her-ein und sagte: „Hi, hier ist dein Schreibtisch, hier das Telefon und hier dein erster Auftrag: Diese Fir-ma will einen Kredit von fünf Millionen Pfund, und ich will bis Freitag die Kreditanalyse.“

Der Versuch, in London zu arbeiten und zu studieren, scheitert jedoch. „Das war kein Leben“, sagt der nach eigenen Worten eher kühle Norddeutsche. „Wenn die anderen in den Pub gingen, musste ich ins Office.“

So folgt Mitte der achtziger Jahre die Studienplatzsuche – und das zweite Schlüsselerlebnis. In Deutschland habe er an den Hochschulen nur eines erlebt – Streikkultur. Also ab nach Amerika! Endlich in das Land, das ihn schon als Kind begeisterte. Schliemann wählt die Wharton School an der University of Pennsylvania. Sie gehört zu den besten Business Schools und bietet Kunstgeschichte an.

Den Sinn für das Schöne hat Schliemann von seiner Familie. Als Nachfahre des berühmten Archäologen Heinrich Schliemann war Henrik in gutem Hamburger Hause aufgewachsen – voller Musik, Kunst und Literatur. Man besaß einen Bauernhof in Dänemark, den heute der Bruder betreibt. Der junge Henrik sang im Chor der Hamburger Staatsoper, besuchte zeitweise sogar ein Internat im englischen Somerset. Von seiner Mutter, einer Norwegerin, bekam er die Sprachbegabung.

Er sei sehr international aufgewachsen, sagt der schlanke Mann, der heute im feinen englischen Outfit in seinem Londoner Büro sitzt: dunkler Nadelstreifenanzug, blauer Schlips auf einem Hemd in Zartrosa, dazu blitzende, goldene Manschettenknöpfe am Ärmel. Das Bild passt zu seinem Arbeitsplatz bei Hawkpoint. Hier hängen englische Land- und Jagdszenen an den Wänden, in Gold gerahmt. Dazu verbreiten Stilmöbel gediegene Clubatmosphäre. Doch privat sammelt Schliemann moderne und asiatische Kunst sowie Silber aus dem 17. und 18. Jahrhundert. „Ich kaufe lieber ein Bild als eine Aktie“, bricht der unkonventionelle Banker mit der City-Philosophie. „So kann ich mich jeden Tag erfreuen – das ist die beste Rendite.“

Warum er nach dem Studium in Amerika nicht Karriere in Deutschland gemacht hat? Schliemann nippt an der Tasse Tee und zieht seine buschigen Augenbrauen hoch. Er habe sich ja noch einmal bei einer deutschen Bank beworben, erzählt er. Ein weiteres Schlüsselerlebnis. „Ich sehe den Personalchef noch genau vor mir“, sagt Schliemann. Machen Sie doch erst mal eine anständige Ausbildung mit Promotion, lautete der Rat an den US-Absolventen. „Da war mir klar: Das wird nie was mit mir und der deutschen Mentalität.“

Also zurück über den Großen Teich. Nach einem Trainee-Programm bei JP Morgan schickt ihn die Bank nach dem Fall der Mauer gen Frankfurt. Privatisierungen wie auch der Immobilienmarkt in den neuen Bundesländern liegen in seiner Hand. „Mein Chef kündigte, plötzlich war ich Abteilungsleiter“, erzählt Schliemann. Mit 26 Jahren privatisiert er die größte Hotelkette in Ungarn. Und wer hilft Sony beim Grundstückskauf für die Europazentrale am Potsdamer Platz in Berlin? Genau, Mr. Schliemann. „So etwas wäre in Deutschland unmöglich.“

Doch bald lernte er auch die Kehrseite des amerikanischen Traums kennen – da folgt dem schnellen Erfolg oft der schnelle Fall. Mitte der neunziger Jahre wechselt er zur Barings-Bank nach London, was den begehrten Aufstieg zum Partner bringt. Doch mit dem Skandal um den Broker Nick Leeson verliert Schliemann quasi über Nacht seinen Arbeitgeber – und viel Geld.

Die Partnerschaftsstruktur von Barings habe ihn aber überzeugt, sagt er heute. Im Gegensatz zu den schnell wechselnden Teams bei Großbanken mache es im Beratungsgeschäft viel mehr Sinn, langfristige Beziehungen aufzubauen. Daher sei er auch bei der noch eher kleinen Firma Hawkpoint eingestiegen und baut jetzt deren Deutschland-Geschäft auf.

So ist Schliemann einmal pro Woche in seiner alten Heimat. Sehnt man sich da nach so vielen Auslandsjahren nicht mal zurück? Er liebe Deutschland, sagt Schliemann, sein Blick wandert hinaus zu den Kränen über der Londoner City: „Aber ich fand das Leben in London und Amerika immer spannender.“ Die deutsche Arbeitskultur sei ihm fremd geblieben, fügt er dann nach einer Pause hinzu. Drei Schlüsselerlebnisse sind einfach genug.

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