Management
Der neue Zwang zur Bescheidenheit

Nein, Pierre Bilger will nicht so sein wie viele andere, zum Beispiel Jean-Marie Messier: Der Ex-Chef des Medienkonzerns Vivendi Universal setzt auf ein Gericht in New York, um von seinem ehemaligen Arbeitgeber eine Abfindung in Höhe von 20,5 Millionen Euro zu erzwingen – gestern Abend wollte der US-Richter entscheiden.

Aber ein Sieg Messiers könnte dem Image des umstrittenen, schillernden Managers noch mehr schaden als sein unrühmlicher Abgang beim Medienriesen im Sommer vergangenen Jahres. Seit Ex-Alstom-Chef Bilger jüngst seine Abfindung von 4,1 Millionen Euro zurückgezahlt hat, sind die Ansprüche an die Managerethik gestiegen. Gier ist out, Bescheidenheit ist in.

In Zeiten schwindender Unternehmensgewinne stellt Bilgers Entschluss – weltweit eine Premiere unter Top-Managern – die Abfindungspraxis in Frage. Seit Monaten schon nimmt der Druck von Aktionären und Öffentlichkeit gegen „goldene Fallschirme“ zu – dies- und jenseits des Atlantiks.

Jean-Marie Messier

  • 1956 wird Jean-Marie Messier in Grenôble geboren. Als Absolvent der Elitehochschule Polytechnique und der ENA macht er als höherer Staatsbeamter Karriere. 1989 beginnt er bei der Investmentbank Lazard Frères.
  • 1994 wechselt er zum Versorger Générale des Eaux, den er, inzwischen Chef geworden, 1998 in Vivendi umbenennt. Er leitet eine Neuausrichtung des Konzerns auf das Mediengeschäft ein.
  • 2001 folgt die Fusion mit Seagram und Canal Plus zu Vivendi Universal.
  • 2002 tritt Messier am 1. Juli – nach monatelanger Kritik an seiner Führung – von seinem Amt zurück.

Aktionärsschützer hoffen nach Bilgers Entschluss auf eine Trendwende. Die Präsidentin des französischen Verbands der Kleinaktionäre (Adam), Colette Neuville, lobte Bil-ger für seine Geste und ist davon überzeugt: „Wir stehen an einem Wendepunkt, die Zeit der goldenen Fallschirme ist vorbei.“ Auch Malte von Putbus, Partner der Personalberatung Jouve & Associés in Paris, erwartet, „dass sich die Praxis bei Abfindungen ändert, denn die Aktionäre werden genauer auf deren Höhe und Rechtfertigung schauen als zuvor“.

Bilger nennt seinen Entschluss „eine persönliche Entscheidung“. Er wollte seine Ruhe, denn der Druck auf ihn nahm seit der Rettungsaktion für seinen Ex-Konzern fast täglich zu. Ex-Finanzminister Alain Madelin schimpfte, es sei „nicht akzeptabel, dass manche Manager Firmen mit leeren Kassen mit vollen Taschen verlassen“. Dass es ausgerechnet ein Franzose war, der als Erster seinen goldenen Handschlag ausschlug, ist nicht erstaunlich. Seit Elf-Aquitaine-Chef Philippe Jaffré 1999 abtrat und über 200 Millionen Franc (rund 30,5 Millionen Euro) mitnahm, stehen Managerabfindungen in Frankreich in der Kritik.

Zunehmend auch in Deutschland. „Wir werden den Fall Bilger natürlich auf den nächsten Hauptversammlungen nutzen, um hohe Abfindungen von Vorständen anzuprangern“, kündigt Klaus Nieding an, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e.V. (DSW) in Frankfurt. Die Regelung, dass ein Top-Manager beim vorzeitigen Ausscheiden für die Restlaufzeit seines Vertrages entschädigt werde, führe „in Einzelfällen zu Auswüchsen“.

Er nennt das Beispiel Kajo Neukirchen. Der Chef des Frankfurter Konzerns MG Technologies trat Ende Mai nach anhaltenden Meinungsverschiedenheiten mit dem Großaktionär Otto Happel von seinem Posten zurück. Deutschlands wohl härtester Sanierer und umstrittenster Manager kassiert dafür ein Abschiedsgeschenk von insgesamt 13,2 Millionen Euro für seinen noch laufenden Vertrag. Aktionärsvertreter und Fondsverwalter beklagen zum einen, dass nicht bekannt sei, wie sich das Paket zusammensetzt. Außerdem kritisieren sie, dass Neukirchen die Vergütung für die Restlaufzeit seines Vertrages erhält, obwohl er auf eigenen Wunsch ausgeschieden sei. „Mehr Transparenz für die Aktionäre schon bei dem Abschluss von Vorstandsverträgen“, fordert deshalb Rolf Drees, Sprecher des Fonds Union Investment und fragt: „Managern sollte man nicht mehr als die Hälfte der Restvergütung zahlen, wenn sie vorzeitig ohne Erfolg ausscheiden.“

Nicht nur erfolglose Manager geraten bei ihrem Ausscheiden in die Kritik. Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser konnte zwar die Übernahme des Konzerns durch Vodafone nicht verhindern, aber er trieb die Kurse der Mannesmann-Aktie in ungeahnte Höhen. Seine Abfindung im Zuge der Übernahme von etwa 30 Millionen Euro an Prämien und Abfindungen ist umstritten. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf wirft ihm Untreue vor. Noch hat das Düsseldorfer Landgericht nicht entschieden, ob es die Anklage zulässt.

Auch Managerikone Jack Welch ließ sich seinen Abgang vergolden. Der Ex-Chef des US-Konzerns General Electric (GE) erhielt ein millionenschweres Ruhestandspaket: zum Beispiel ein Appartement in New York und die Nutzung des firmeneigenen Jets. Das kam erst im Rosenkrieg mit seiner Ex-Frau an die Öffentlichkeit. Als er sich in die Ecke der „Abzocker-Manager“ gedrängt sah, erklärte er sich bereit, im Jahr zwei bis zweieinhalb Millionen Euro für die Leistungen zu zahlen.

Wie steht es um die Moral der Manager? Ex-Vivendi-Chef Messier, der seine Abfindung in der Nacht vor seinem Rücktritt am 1. Juni 2002 aushandelte, zeigt Wandlungsfähigkeit. Zwei Jahre zuvor hatte er in seinem Buch „J6M.com“ behauptet: „Wenn ich entlassen werde, werde ich keine Abfindung aushandeln.“

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