Management
Der Spezialist fürs Allgemeine

Wäre es nach Jack Welch gegangen, dann wäre er heute nicht mehr hier. Er säße jetzt bei General Electric (GE) auf der anderen Seite des Atlantiks. Aber Norbert Quinkert hat den großen Welch abblitzen lassen, als dieser Mitte der neunziger Jahre den damaligen Deutschland-Chef von GE in die Staaten holen wollte.

WIESBADEN. „Ich hatte mir hier in Deutschland ein großes Netzwerk aufgebaut, hatte viele Kontakte in die Industrie. Das wollte ich nicht aufgeben“, erzählt der 60-Jährige. Und dann gab es da noch einen wichtigen Grund: „Meine Adoptivtochter war damals 13 und hatte sich im Gymnasium gut eingelebt. Da wollte ich sie nicht herausreißen.“

Seine Kontakte, die nutzt er seitdem für ein anderes Unternehmen: Quinkert ist Deutschland-Chef des US-Elektronikkonzerns Motorola. „Als ich Jack von dem neuen Job erzählte, da sagte er: Ganz ordentliche Firma, vielleicht kauf ich sie eines Tages“, plaudert er über den ehemaligen GE-Boss.

Quinkert verfügt über einen schier unerschöpflichen Vorrat an Geschichten darüber, was er so alles erlebt hat mit den Großen und Mächtigen dieser Welt. Und er setzt sie gezielt ein – um seinen Gesprächspartner zu unterhalten, Vertrauen aufzubauen. Und um ihm zwischen den Zeilen zu suggerieren: Ich kenne sie alle, die was zu sagen haben: Siemens-Chef Heinrich von Pierer zum Beispiel, Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke, sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder. „Etwas eitel ist er schon, aber wer ist das nicht ab einem gewissen Alter“, sagt einer, der ihn aus alten GE-Zeiten kennt.

„Es macht schon Spaß, diesen Leuten auf dem Schoß zu sitzen“, gibt Quinkert zu. Mehr gibt er aber nicht preis, selbst wenn man nachfragt. Er verteilt höchstens Komplimente – zum Beispiel an den Bundeskanzler, der beim Besuch eines Motorola-Werks „einen sehr kundigen Eindruck hinterließ“.

Lobbyarbeit machen, Leute überzeugen, Türen öffnen, das ist sein Ding, da fühlt er sich wohl, viel wohler als beim Erläutern irgendwelcher technischer Details. Quinkert ist eben der Spezialist fürs Allgemeine – kein Wunder, muss er sich doch in den unterschiedlichsten Motorola-Sparten auskennen.

Derzeit buhlt er um einen der größten Aufträge, den die öffentliche Hand zu vergeben hat: ein neues Funksystem für Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte. Investitionsvolumen: vier Milliarden Euro. Motorola hofft, einen Teil davon abzubekommen. „Es vergeht kein Tag, an dem mich das Thema nicht beschäftigt.“ Bis das Funksystem aber kommt, dauert es noch lange: 2006 sollte es werden, inzwischen sprechen Bund und Länder von 2010.

Fast sein gesamtes Arbeitsleben hat Quinkert in der Elektronikbranche verbracht. „Der Quinkert, das ist ein Urgestein, jeder kennt ihn, und er kennt sie alle“, heißt es allenthalben. Bei Bull hat er angefangen, einem Systemhaus, das später von GE übernommen wurde. Bei GE hat er sich später hochgearbeitet – bis es im Prinzip innerhalb des US-Konzerns keinen besseren Job mehr in Europa für ihn gab. Für einen Manager fing Quinkerts Berufsleben aber eher untypisch an. Als Beamter bei der Oberpostdirektion Dortmund zog er Rundfunkgebühren ein. „Vater bei der Post, Bruder bei der Post, Großvater und Urgroßvater, was erwarten sie da“, merkt er ironisch an. Aber bei der Post war ihm „alles zu langsam, ich war zu ungeduldig“.

Offen und unterhaltsam erzählt er über sein Leben. Keine Frage, auf die er keine Antwort hätte. Aber bei einem Thema wird er für seine Verhältnisse etwas einsilbig: Wenn es um Mobiltelefone für die neue Technik UMTS geht. Mobilfunknetzbetreiber wie Vodafone und T-Mobile schieben Motorola & Co. den Schwarzen Peter für immer neue Verzögerungen des Starts von UMTS in die Schuhe, weil es nicht genügend Handys gebe. Quinkert kontert kurz: „Wir liefern doch UMTS-Handys.“ Die Produktion sei sogar hochgefahren worden. Zahlen nennt er aber nicht. In Flensburg werden die UMTS-Mobiltelefone hergestellt und nach Italien und Großbritannien geliefert.

Lieber und vor allem ausführlicher erzählt er da schon über andere Motorola-Geschäfte, zum Beispiel über Mikrochips. „Wir sind bei Halbleitern doppelt so stark wie der nächst größere Konkurrent“, wirbt er. So steckten mehr als 80 Motorola-Mikroprozessoren in größeren Fahrzeugen von BMW und Mercedes.

In der Branche ist schon mal hinter vorgehaltener Hand über Quinkert zu hören: Er sei aalglatt, unverbindlich mit einem Hang zum Katzbuckeln. Bei Motorola-Konzernchef Chris Galvin keine ganz schlechte Eigenschaft. „Der Quinkert versteht sich gut mit dem Galvin, das ist seine Kunst, er hat eine sehr gewinnende Art“, sagt Horst Lennertz, Technikchef beim niederländischen Mobilfunker KPN Mobile. So kann Quinkert den ein oder anderen Sparvorschlag aus den USA abbiegen oder zumindest selbst bestimmen, wo gespart wird.

Er selbst beschreibt seine Arbeit in dem US-Konzern auf seine diplomatische Art: „Es gibt Zwänge, aber es gibt auch Freiräume.“ Anpassungsfähig müsse man sein. Und er liefert gleich die passende Anekdote über den früheren GE-Konzernchef hinterher. „Der Jack sagte meiner Frau mal bei einem Abendessen, Norbert hat ab Montag einen neuen Job – ich wusste von nichts.“ Welch hatte Quinkert zum Vice President der GE-Medizintechnik in Zentraleuropa auserkoren. „Da musste ich ganz schön strampeln“, räumt er ein. Aber schließlich „zogen die Marktanteile von GE in Europa an“.

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