Der Spieltheoretiker Werner Güth erklärt, wieso Menschen nicht rational sind
Der philosophische Volkswirt

Das Paradies für deutsche Forscher liegt außerhalb der Mauern der Universitäten – zum Beispiel in Thüringen beim Max-Planck-Institut zur Erforschung von Wirtschaftssystemen in Jena. „Unsere Arbeitsmöglichkeiten sind unvergleichlich besser“, antwortet der Spieltheoretiker Werner Güth, der dort seit 2001 als Direktor der Abteilung „Strategische Interaktion“ arbeitet, dem Handelsblatt – schriftlich. Direkt mit der Presse sprechen, das möchte der Forscher nicht. Fragen beantwortet er nur schriftlich, nach reiflicher Überlegung.

HB DÜSSELDORF. Dabei gilt der 61-Jährige unter Kollegen aus der Wissenschaft als liebenswert – allerdings sei er eben „durch und durch ein Wissenschaftler“, wie es einer seiner Weggefährten formuliert.

Dass Güth seinen eigenen Stil pflegt, zeigt bereits die kurze Selbstdarstellung auf seiner Homepage: Er sieht sich eher als Sozialwissenschaftler denn als Ökonom. Sein Interesse gilt den Disziplinen Psychologie, Philosophie, evolutionäre Biologie und Politikwissenschaften. Die Spieltheorie vereint diese Disziplinen aus seiner Sicht und ist für ihn deswegen „der reichhaltigste Handwerkskasten für jeden Architekten sozialer Interaktion“. Die Spieltheorie analysiert, wie Menschen in Systemen mit vorgegebenen Regeln handeln.

Einen Namen hat sich Güth Mitte der 70er-Jahre mit dem Ultimatumspiel gemacht: Spieler A bekommt dabei einen bestimmten Geldbetrag, den er auf sich und Spieler B aufteilen darf. Lehnt B die angebotene Aufteilung ab, bekommt keiner von beiden Geld. Für B wäre es also unter rein materiellen Gesichtspunkten rational, auch eine als ungerecht empfundene Aufteilung anzunehmen. Experimente zeigen aber, dass Spieler B als zu gering empfundene Beträge häufig ablehnt. Um das zu vermeiden, bietet Spieler A häufig Aufteilungen an, die Spieler B annähernd die Hälfte des Betrags gewähren.

Das Experiment gehört heute zum Standard-Instrumentenkasten der experimentellen Wirtschaftsforscher. Mit ihm lässt sich zeigen, dass Menschen nicht stets streng den eigenen materiellen Nutzen optimieren. „Wir sollten uns so betrachten, wie wir sind, nämlich allenfalls beschränkt rational. Wir streben nach zufrieden stellenden, nicht nach optimalen Resultaten“, meint Güth auf die Frage nach praktischen Anwendungsmöglichkeiten der spieltheoretischen Erkenntnisse.

In kleineren Interaktionsgruppen – zum Beispiel bei langfristigen Lieferbeziehungen – verhalten sich Menschen eher fair, hat Güth herausgefunden: „Da wirtschaftliches Handeln nicht in Isolation stattfindet, sind wir gut beraten, auch die Interessen und Gefühle anderer zu berücksichtigen.“ Auf Märkten mit privaten Informationen sei dagegen fast niemals faires Verhalten zu beobachten. Eine typische Situation ist der Arbeitsmarkt: Der Arbeitnehmer weiß, wie produktiv er arbeitet – der Unternehmer, der ihn einstellt, weiß es nicht.

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