Der Worldcom-Prozess ist der Durchbruch für Staranwalt John Coffey
Ein Ire vor Gericht

Solche Geschichten schreibt das Leben selbst in Amerika nur selten. John P. Coffey, der sich von allen „Sean“ nennen lässt, wurde vor fast 49 Jahren als ältestes von sieben Kindern armer irischer Einwanderer geboren. Sein Elternhaus steht in einer so verrufenen Ecke des New Yorker Problemviertels Bronx, „dass mein Kollege protestierte, als ich dort bei einer Dienstfahrt mal vorbeischauen wollte“, erzählt Coffey.

HB NEW YORK. Heute, als Partner der New Yorker Anlegerkanzlei Bernstein, Litowitz, Berger & Grossmann, gehört er zu den besten und reichsten Klägeranwälten Amerikas. Mit seiner Frau, einer ehemaligen Schauspielerin englisch-aristokratischer Herkunft, und seinen beiden Kindern wohnt er in einem reichen New Yorker Vorort. Und: „Ich werde mehr Geld haben, als ich mir je hätte vorstellen können.“ Grund: der Worldcom-Prozess. Als Klägeranwalt im Prozess um den Skandalkonzern erstritt Coffey Rekordentschädigungen von 6,13 Milliarden Dollar für geprellte Anleger. Den größten Teil davon zahlen Worldcoms Banken.

Coffeys Kanzlei wird auf Erfolgsbasis honoriert, wie dies üblich ist bei Sammelklagen in den USA. Wenn die letzten Verhandlungen mit einigen Ex-Aufsichtsräten abgeschlossen sind und die Zahlungen fließen, verbleiben der Anwaltsgemeinschaft um die 170 Millionen Dollar Honorar.

Auch Worldcoms Ex-Aufsichtsräte und der ehemalige große Macher Bernard Ebbers müssen bluten. Dafür sorgte Coffey mit seinem Partner Samuel Berger und der zweiten Klägerkanzlei Rarrack, Rodos & Bacine. Sie schlossen einen Vergleich mit Ebbers, wonach dieser fast sein komplettes Restvermögen von rund 40 Millionen Dollar aufgibt. Im parallel laufenden Strafprozess wartet der wegen Bilanzbetrugs verurteilte Ebbers heute auf sein Strafmaß: Ihm drohen bis zu 85 Jahre Haft.

„Ich habe harte Arbeit nie gescheut, und ich habe nie einen Leitspruch aus meinem Studium an der Militärakademie vergessen: ‚Wer nichts riskiert, kann nichts gewinnen’“, sagt Coffey über sich selbst.

Die Wurzeln seines Erfolgs sieht er in der Kindheit. „Für meine Eltern gab es nur drei Dinge – Ausbildung, Kirche und Familienleben“, erzählt er. Mit seinen 1,93 Metern, dem starken Kinn und den fleischigen Händen würde man in ihm eher den Chef eines irischen Pubs vermuten denn einen Staranwalt.

So brachten die Coffeys mit einem Bauarbeiter-Lohn sieben Kinder bis zum Universitätsabschluss. Um den Kontakt zur Heimat zu halten, musste „Sean“ jährlich ins irische Cork County fahren, wo seine Eltern streng katholisch aufgewachsen waren. Diese Familientradition besteht weiter: „Als ich meinen Kindern den Schuppen gezeigt habe, in dem ihr Großvater aufwuchs, konnten sie es kaum glauben“, erzählt er. Der karge Raum dient heute als Kuhstall.

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