Deutsche Bank, Telekom und Co.
Die schleichende Ohnmacht der Aufsichtsräte

Mit viel Theater werden in den Dax-Konzernen die Vorstände umgebaut. Obermann sucht Frauen für die Spitze, Ackermann seinen Nachfolger. Wirtschaftsprofessor Manuel Theisen fragt entsetzt: Haben Vorstände zu viel Macht?
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DüsseldorfWer die Unternehmensnachrichten dieser Tage aufmerksam zur Kenntnis nimmt, den müssten Fragen quälen, die so ähnlich auch Bert Brechts „Lesendem Arbeiter“ durch den Kopf gehen: „Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“ Übertragen auf die jüngsten Entscheidungen deutscher Dax-Vorstände heißt das: war denn kein Aufsichtsrat beteiligt? War „gute Unternehmensführung“ gestern?

Börsig und Ackermann – so die Devise der letzten Wochen – „suchen gemeinsam“ nach einem Nachfolger für den Vorstandsvorsitz der Bank: Hat die Deutsche Bank AG das amerikanische Board-System adaptiert – und kein Aufsichtsrat hat es gemerkt? Seitdem der einzige Kandidat auf der Nachfolgeliste des DB-Aufsichtsrats in die Schweiz abgeworben wurde, „sieht sich Ackermann in die Pflicht genommen“, den Aufsichtsratsvorsitz zu übernehmen, Börsig abzulösen, und schlägt – wohl in Vorwegnahme dieser avisierten Position (oder als Wahlversprechen?) – gleich einen neuen Vorstand für das Bankhaus vor. Der Aufsichtsratsvorsitzende Börsig präferiert dagegen eine Doppelspitze, aller Erfahrung nach das schlechteste aller Führungskonzepte: Hat der Aufsichtsrat in dieser Personalangelegenheit seine Kompetenz vollkommen aufgegeben? Wird die Hauptversammlung überhaupt noch benötigt?

Fast jeder Diskussionsbeitrag zu unangemessenen Vergütungen einzelner Vorstandsmitglieder sowie zu den Abfindungsregelungen vorzeitig ausscheidender oder durch Kontrollwechsel „verdrängter“ Unternehmensführer stellt deren Raffgier und Verantwortungslosigkeit in den Mittelpunkt: Trägt nicht jedes dieser Vertragswerke die Unterschrift des allein zuständigen Aufsichtsratsvorsitzenden als Vertreter des gesetzlichen Überwachungsorgans im Namen der Aktionäre und Mitarbeiter?

Aber den vorläufigen K.o.-Schlag zur Frage „guter Unternehmensführung“ und gesetzmäßigen Handelns („Compliance“) liefert die Deutsche Telekom AG: Deren Finanzvorstand Höttges berichtet vor einem Kreis von Corporate-Governance-Experten über den Auswahlprozess bei der Suche nach einem neuen Abschlussprüfer für das Unternehmen. Nach persönlich durchgeführten „face to face“-Befragungen durch den Finanzvorstand wurden die zwei „geeigneten“ Gesellschaften festgelegt, „mit denen wir uns wohlfühlen“, so die wörtliche Einschätzung des „beauty-contest“. Hat der Aufsichtsrat oder der Prüfungsausschuss nicht wenigstens die Protokolle dieses Prozesses bekommen, bevor er dann unter den verbliebenen zwei „Bewerbern“ auswählen durfte?

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