Deutsche Fachkräfte
Qualifiziert, attraktiv, gefährdet

Die Attraktivität deutscher Fachkräfte droht der Wirtschaft zum Verhängnis zu werden. Unternehmen aus aller Welt werden zunehmend Topleute hierzulande rekrutieren. Denn sie zählen nach internationaler Einschätzung weltweit zu den Besten.
  • 15

DÜSSELDORF. Deutsche Firmen kämpfen gleich an zwei Fronten: Gegen den schrumpfenden Fachkräfte-Nachwuchs im eigenen Land und gegen die Abwerber aus dem Ausland.

Das große Interesse an deutschen Ingenieuren und Technikern zeigt eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Befragt wurden weltweit Manager von 1 200 forschungs- und entwicklungsintensiven Unternehmen. Neben den USA und Japan gilt Deutschland danach als eines der führenden Länder in der Pharma- und Biotechnologie, Nanotechnik, Luft- und Raumfahrt sowie in der Informationstechnik und Elektronik.

Beschäftigte aus diesen Branchen seien höchst abwerbegefährdet, stellt die Studie fest. Denn Deutschland sei von den Befragten als eine der Nationen identifiziert, aus der "in naher Zukunft die meisten Talente kommen". China, die USA und Indien liegen zwar in Führung, das ist aber laut E & Y nur auf die größere Bevölkerung in diesen Regionen zurückzuführen. Deutschland führt mit Abstand vor Japan und allen anderen europäischen Ländern.

Schon jetzt fehlen Zehntausende Ingenieure

Verschärft wird der "Brain-Drain", wie E&Y-Partner Peter Englisch es nennt, dadurch, dass deutsche Firmen ihrerseits im Ausland kaum auf Fachkräftesuche gehen. Nur bei jedem vierten deutschen Unternehmen stellen Fachkräfte aus dem Ausland mittlerweile eine wichtige Gruppe unter den Hochqualifizierten dar. Damit liegen deutsche Firmen im internationalen Vergleich im unteren Mittelfeld. Deutlich weltoffener präsentieren sich Unternehmen aus Großbritannien, wo gut drei Viertel ihre ausländischen Spezialisten als "große Gruppe" einstufen, dicht gefolgt von den USA (74 Prozent), Irland (63 Prozent) und Kanada (60 Prozent).

Wenn Deutschland verstärkt Toptalente ans Ausland verliert, im Gegenzug aber kaum ausländische Spezialisten nach Deutschland kommen, sieht Englisch die Gefahr, "dass die Experten-Wanderung zur Einbahnstraße gerät." Der Innovationsstandort Deutschland könnte personell regelrecht ausbluten.

Noch hält nahezu die Hälfte der Befragten in Deutschland die Verfügbarkeit hochqualifizierter Fachkräfte im Inland für gut. Aber knapp zwei Drittel der Manager sehen bereits einen gravierenden Engpass im Bereich der Forschung und Entwicklung, gefolgt von Projektentwicklung und Konstruktion (41 Prozent).

 

Weil den Unternehmen zu Tausenden die Ingenieure fehlen, sieht das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) das Wachstum gefährdet. Im Sommer fehlten 36 800 Ingenieure, berichtete das arbeitgebernahe Institut. Der Ingenieurmangel werde sich in den nächsten Jahren noch verschärfen. In keinem wichtigen europäischen Industrieland rücken so wenige Ingenieure von der Universität auf den Arbeitsmarkt nach wie in Deutschland. Auf 1 000 erwerbstätige Ingenieure kamen 2007 hierzulande 35 Absolventen. In Frankreich waren es mit 73 mehr als doppelt so viele.

Der Luft- und Raumfahrtkonzern EADS beispielsweise rechnet mit einem europaweiten Bedarf von 12 000 Luftfahrtingenieuren pro Jahr. Dem stünden auf dem Kontinent insgesamt aber nur etwa 9 000 qualifizierte Absolventen gegenüber. Auf Deutschland entfallen dabei pro Jahr um die 500 bis 600 Nachwuchsakademiker mit Luft- und Raumfahrtstudium.

Speziell kleine und mittlere Firmen haben bereits Schwierigkeiten, Spezialisten zu rekrutieren. So klagen 71 Prozent der Unternehmen mit Umsätzen bis zu 150 Mio. Euro über eine schlechte Verfügbarkeit von Fachkräften, in der Gruppe mit Umsätzen zwischen 150 Mio. und 1,5 Mrd. Euro sind es ebenfalls schon 37 Prozent. "Es gibt zu denken, dass gerade das kreative Mittelfeld - unsere Nischen-Weltmarktführer - vor dem Riesenproblem steht, seine Innovations- und damit Zukunftsfähigkeit in Gestalt von Köpfen langfristig zu erhalten", sagt Englisch. Multinationale Großkonzerne hätten weniger Schwierigkeiten. Sie betreiben das Global Sourcing inzwischen auch für Talente.

Doch selbst wenn deutsche Firmen ihre Talentscouts ins Ausland schicken: Sie stoßen immer mehr auf Widerstand. So machte der indische Industrieminister Anand Sharma gerade erst anlässlich seines Deutschlandbesuchs deutlich: "Indien braucht seine Fachkräfte selbst." Die Regierung hat beschlossen, den Industriesektor kräftig auszubauen und den Anteil am Inlandsprodukt von 16 auf 25 Prozent zu treiben. Der Export gut ausgebildeter Facharbeiter und Ingenieure sei deshalb nicht im Interesse Indiens, sagt Sharma.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent

Kommentare zu " Deutsche Fachkräfte: Qualifiziert, attraktiv, gefährdet"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Fachkräftemangel ist ein Thema der Zukunft. Diese breittreten in den Medien kann man nicht mehr hören. Wir brauchen zwar Zuwanderung von hochqualifizierten Fachkräften, aber nicht um jeden Preis. Anfänger und sogenannte "Fachkräfte" über 50 haben wir genug und die sind nicht zu gebrauchen. Entweder nicht geformt oder Altmetall.

  • Die großen Konzerne werben in der Presse, dass sie dringend Fachkräfte benötigen und einstellen wollen. Aber wie sieht die Realität aus? ich hatte mein Vorstellungsgespräch bei einem großen Elektronikkonzern in München. Es verlief gut, aber als das Gespräch auf das Gehalt kam, wurden 2 Herren zusätzlich ins Zimmer gerufen mit denen das Gehaltsgespräch geführt wurde. Mit 4 Jahren bE als informatiker war das Startangebot bei 30500,- EUR p.a. brutto. Geeinigt haben wir uns höher. Als der Vertrag jedoch zugeschickt wurde, war dies kein Vertrag des Elektronikkonzerns, sondern eines Personaldienstleisters, der das Personal für den münchner Konzern stellt. Unterschrieben habe ich nicht, ich suche jetzt lieber in der Schweiz.

  • man ist nicht bereit die unheilige allianz zwischen politk und wirtschaft=Rendite ohne ende abzuschwören.Das bewusst von den Volksverrätern in kauf genommen wurde die fachkräfte so behandelt zu haben wie erpressbare willenlose individuen=legebatterie mit der aussicht das huhn was goldene eier legt hat ewig bestand.so sah es aus in der vergangenheit alles wurde in die wege geleitet um dieses ziel zu erreichen,natürlich haben wir nur das wohl unseres volkes im sinn,warum wählen sich diese Damen und Herren nicht ein anderes volk ? dann geht die verarsche noch eine weile,siehe weltweit den aufbruch in den abgang,eines systems was sich durch masslose gier selber ab absurdum geführt hat.nun warten wir auf das reset unausweichlich wird es kommen egal wo man hinschaut,der exportweltmeister DE kann nur mit neuen schulden bezahlt werden

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%