Deutsche Firmen ziehen die Notbremse
In „Made in Germany“ ist der Wurm drin

Gerade deutsche Qualitätsgaranten haben in den vergangenen Jahren bei ihren Entwicklungsprojekten die falschen Schwerpunkte gesetzt. Technik wurde hier zu Lande lange zu umständlich entwickelt und dabei mit Funktionen überfrachtet, die keiner braucht, kritisieren Experten.

So zufrieden wie Gregorios Sachinidis aus Thessaloniki kann kaum ein Autofahrer mit seinem Gefährt sein. Der griechische Taxifahrer überließ im Herbst seine alte Kiste einem Museum in Stuttgart. 4,6 Millionen Kilometer hatte der unverwüstliche Mercedes-Benz 240 von 1976 auf dem Buckel. Wer dagegen aktuelle Mercedes-Modelle fährt, muss sich immer häufiger mit Defekten herumplagen. Im vergangenen Sommer rief Daimler-Chrysler unter anderem 98 000 Fahrzeuge der Klassen A, CL, CLK, E und S wegen eines fehlerhaften elektronischen Hydrauliksystems zurück. Die Folge: Mercedes landete 2004 bei der Kundenzufriedenheit – ermittelt vom ADAC –auf dem drittletzten Platz.

Der Stuttgarter Autobauer ist nicht das einzige deutsche Vorzeigeunternehmen, das mit Qualitätsproblemen zu kämpfen hat. Defekte Lagerbuchsen in Dieselpumpen des Automobilzulieferers Robert Bosch sorgten dafür, dass die Bänder bei vielen Autobauern wochenlang still standen. Siemens muss für 500 Millionen Euro Nachbesserungen vornehmen, weil die Verkehrstechniker beim Bau der Niederflurstraßenbahn Combino geschlampt hatten. Und BMW musste im August einen Motorenfehler melden: Betroffen sind ausgerechnet die Prestige-Modelle – der X 5, das 6er Coupé und der 7er.

Die vielen schlechten Nachrichten sind kein Zufall. Gerade die deutschen Qualitätsgaranten haben in den vergangenen Jahren bei ihren Entwicklungsprojekten die falschen Schwerpunkte gesetzt. Technik wurde hier zu Lande lange zu umständlich entwickelt und dabei mit Funktionen überfrachtet, die keiner braucht, kritisieren Experten.

Max Harbeck, Geschäftsführer von Celerant Consulting in Düsseldorf, spricht von einer „unheiligen Allianz zwischen verspielten Entwicklern und Marketingabteilungen, die meinen, Kundenwünsche identifiziert zu haben.“ Robert Schmitt vom Lehrstuhl für Fertigungsmesstechnik und Qualitätsmanagement an der Technischen Hochschule Aachen, beklagt die „deutsche Mentalität, alles von Grund auf neu zu konstruieren, statt anhand einer Plattformstrategie bewährte Bauteile in neuen Modellen zu verwenden“.

Das gilt nicht nur für die Automobilbranche, wo etwa Toyota durch das Wiederverwenden bewährter Komponenten Qualitätsmaßstäbe setzt, während Daimler-Chrysler, BMW oder Audi oft im wahrsten Sinne des Wortes das Rad neu erfinden. Auch für die ICE-3-Züge von Siemens, die der Deutschen Bahn Kopfzerbrechen bereiten, wurden viele Teile neu erfunden, statt bewährte Bauteile zu nutzen. Nun fällt mal der Computer aus, der die Bremsen steuert, dann spielen Türen oder Klimaanlage verrückt. Bis zu 700 Störungen am Tag registriert die Bahn, die Instandhaltungskosten steigen rasant.

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