Die Dunkelziffer beträgt 90 Prozent
Die bestechliche Republik

Die jüngste Affäre um korrupte Beamte ist nur die Spitze des Eisbergs. Überhöhte oder Scheinrechnungen sind an der Tagesordnung. Fahnder erzählen, wie Deutschland schmiert. Eine Handelsblatt-Reportage.

Ein Hobby ist eine harmlose Sache, und wenn man damit auch noch den schönen Künsten dient, dann müsste doch wirklich das Motto des englischen Hosenbandordens gelten: "Ehrlos sei, wer Schlechtes dabei denkt." Eigentlich war an dem Steckenpferd des Einkaufschefs eines großen deutschen Konzerns auch nichts auszusetzen. In seiner Freizeit betätigte sich der Mann als Mäzen und veröffentlichte aufwendige Bildbände befreundeter Künstler, die er über das Internet vertrieb. Doch die Sache hatte einen Haken, die edlen Bücher ließ er von einem Lieferanten des Konzerns herstellen, kostenlos, als kleines Dankeschön sozusagen für lukrative Druckaufträge bei Katalogen und Bedienungsanleitungen.

Jahrelang lief diese ganz besondere Geschäftsbeziehung zwischen Einkaufschef und Druckereigeschäftsführer reibungslos, bis Klaus Fischer von Ernst & Young dem kunstsinnigen Bücherfreund auf die Spur kam. Fischers Profession nennt sich Forensic Accountant, für seine Klienten durchforstet der Mann mit dem hageren Gesicht und den kleinen, braunen Augen hinter der randlosen Brille Bilanzen nach den verräterischen Spuren von Wirtschaftskriminalität. "Der Korruptionsfall in der Druckerei flog auf, weil plötzlich teure Materialien in der Abrechnung für ziemlich billige Kataloge auftauchten", erzählt Fischer. Scheinrechnungen, die die schmutzigen Geschäfte kaschieren sollten.

Einer der originellsten Fälle aus Fischers Praxis, doch das Prinzip hinter dem Kunstraub der anderen Art ist längst Alltag - auch in einem Industrieland wie Deutschland. Auf 50 Milliarden Euro schätzt Transparency International den jährlichen Schaden durch Bestechung in der Bundesrepublik. Im Korruptionsbericht der gemeinnützigen Organisation belegt Deutschland Rang 15, weit hinter den Spitzenreitern in Sachen Sauberkeit Finnland, Neuseeland und Dänemark. "In einigen Branchen, etwa im Immobiliengeschäft, gibt es in Deutschland längst regelrechte Preistabellen für Bestechung", erzählt Ernst & Young-Ermittler Fischer. Bei Großprojekten würden dann eben einfach zwischen 1,5 und drei Prozent der gesamten Investitionssumme fällig.

Es sind aber noch nicht einmal die spektakulären Affären wie die Müllverbrennung in Köln oder der Neubau der Allianz-Arena in München, die dem Frankfurter Staatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner schlaflose Nächte bereiten. Ihn treibt die Sorge, dass sich Korruption zum Alltagsphänomen entwickelt. "Bestechung und Bestechlichkeit sind längst zum täglichen Begleiter geworden und durchziehen alle Bereiche der Gesellschaft", klagt Deutschlands bekanntester Korruptionsjäger.

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