Die Entdeckung der Langsamkeit
Ex-Formel-1-Pilot Paolo Barilla steuert Pastakonzern

Eigentlich hätte er sich längst ans Rampenlicht gewöhnen müssen. Ende der achtziger Jahre stand Paolo Barilla als Formel-1-Rennfahrer des italienischen Minardi-Teams häufig im Blitzlichtgewitter. Zuvor hatte er bereits im 24-Stunden-Rennen von Le Mans gesiegt.

PARMA. Aber auch nach mehr als zehn Jahren in der Chefetage von Barilla überlässt er öffentliche Auftritte lieber seinem ältesten Bruder Guido, der als „Presidente“ offiziell ganz oben in der Hierarchie des Familienunternehmens steht.

Muss Paolo doch einmal für Barilla vor die Mikrofone, versucht er sein Bestes zu geben. Mit monotoner Stimme berichtet der 42-Jährige von der Qualität der Tomaten in den Pasta-Saucen des Nudelherstellers aus dem oberitalienischen Parma, während er nervös seine schlanken Finger, ein „Markenzeichen“ des Barilla-Clans, massiert.

„Alles braucht seine Zeit“, lautet die für einen Rennfahrer eher ungewöhnliche Maxime. Der unverheiratete Vizepräsident skizziert damit eine zentrale Handlungsmaxime des Top-Managements. Als würde in der Nahrungsmittelindustrie nicht der Schnelle über den Langsamen, sondern der abwägend Kluge über den übereilt Hastigen siegen. Doch die Weisheiten beruhen auf seinen Erfahrungen als Rennfahrer. So sucht er permanent nach einem Schwachpunkt in den Konzepten, wie die Fahrzeugkonstrukteure von den Formel-1-Piloten ständige Kritik fordern. „Die möchten gar nicht hören, dass ein Rennwagen gut ist.“

Es dauere aber unter Umständen sehr lange, das Problem zu beheben. „Gibt es ein großes Problem, darfst du es nicht herunterspielen“, sagt er und kommt dann zu dem Schluss: „Derjenige, der das Problem löst, ist letztendlich schneller als alle anderen.“

So lassen er und seine Geschwister aus der Barilla-Führungsriege sich Zeit mit der Kamps AG. Selbst mehr als ein Jahr nach der Übernahme von Europas größter Bäckerei-Kette haben sie sich immer noch nicht entschieden, was sie mit dem Unternehmen anfangen wollen. „Das ist ein vollkommen neues Geschäft für uns, deshalb wollen wir erst einmal verstehen, wie es funktioniert“, sagt Barilla.

Wir, das sind die vier Kinder des vor zehn Jahren verstorbenen Firmenpatriarchen Pietro Barilla. Guido, Luca, Paolo und Emanuela übernahmen damals gemeinsam die Verantwortung für Tausende von Mitarbeitern, Dutzende Fabriken und einen Milliardenumsatz.

Bis zum heutigen Tage arbeiten die vier in der Unternehmensführung ganz eng zusammen. Der Montag ist „Familientag“. Trifft sich der Familienrat ganz offiziell als Aufsichtsrat oder sind rein familiäre Dinge zu besprechen, ist auch Schwester Emanuela mit von der Partie. Ansonsten kümmern sich die drei Brüder allein um das operative Geschäft. Die offizielle Aufgabenverteilung lautet: Paolo ist für Marketing verantwortlich, Luca, 43, steuert von Mailand aus die Finanzen, und Guido, 45, ist für die Strategie zuständig.

Doch intern gibt es keine solche Zuordnung, wie Paolo Barilla berichtet. „Wir kümmern uns gemeinsam um das gesamte Geschäft.“ Und wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt? „Dann wird diskutiert, diskutiert und diskutiert“, wie ein interner Beobachter berichtet, bis Einstimmigkeit erreicht ist. Kompromisse gibt es angeblich nicht.

So wenig wie im Rennsport, den Paolo trotz seines engen Zeitplans als Manager immer noch betreibt. Im vergangenen Jahr war er bei der berühmten Rallye Paris-Dakar dabei. Mit seinem Mercedes Unimog kam er als Achter der Truck-Wertung ins Ziel. Darüber verliert er aber in aller Bescheidenheit kein Wort, auch nicht darüber, dass er Talente über die von ihm gegründete Barilla-Sportschule fördert – vertraut mit einer lauten Welt, liebt er eben doch mehr die leisen Töne.

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