Die EU-Kommission will Standards lockern
Die Entlastung der Bilanzen naht

Die EU macht Dampf bei der Korrektur der Bilanzierungsregeln. Konkret sollten Kreditinstitute in der EU die Möglichkeit erhalten, Aktiva vom Handelsbuch ins Bankbuch übertragen zu können. Doch Wissenschaftler sind skeptisch.

BRÜSSEL/FRANKFURT. Die EU-Kommission will bereits in der kommenden Woche einen Vorschlag zur Lockerung der Bilanzstandards vorlegen. "Banken in Europa sollen genauso viel Flexibilität bekommen wie Banken in den USA", sagte Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy. Konkret sollten Kreditinstitute in der EU die Möglichkeit erhalten, Aktiva vom Handelsbuch ins Bankbuch übertragen zu können. Das bedeutet: Werden Papiere bis zu ihrer Endfälligkeit behalten, können sie zum Anschaffungswert verbucht werden und müssen nicht mehr auf den aktuellen Marktwert abgeschrieben werden.

McCreevy will die Änderung der Bilanzstandards im Schnellverfahren durch die EU-Institutionen bringen. Damit könnte die Änderung in Kraft treten, sobald das Europäische Parlament zugestimmt hat. "Ich hoffe, dass das Parlament dieser Angelegenheit Priorität einräumt", sagte der Kommissar. Er appellierte an die nationalen Finanz-Aufsichtsbehörden, die neue Regelung ab sofort anzuwenden. Auf diese Weise könnten die Geldinstitute die gelockerte Bilanzregel bereits für das dritte Quartal 2008 nutzen.

McCreevy wies ferner darauf hin, dass der IASB-Board in London mittlerweile zugestimmt hat, die "fair value"-Bilanzierung für europäische Banken zu lockern. Demnach können Banken Zertifikate zu ihrem Anschaffungswert bilanzieren, wenn der Markt für diese Papiere aufgrund der Finanzkrise zusammengebrochen ist. "Das ist auch sehr wichtig für Banken und sollte im dritten Quartal genutzt werden", sagte McCreevy.

Mit der Lockerung der internationalen Bilanzierungsregeln wollen die Finanzpolitiker die galoppierende Krise an den Kapitalmärkten eindämmen. Seit Ausbruch der Krise im vergangenen Sommer sind die Märkte für viele strukturierte Kreditprodukte zusammengebrochen, etwa bei ABS-Papieren, die mit Forderungen aus Hypothekenfinanzierungen unterlegt sind. Vor allem diejenigen Banken, die über kein breites Privatkundengeschäft verfügen, spüren die Folgen. Die Wertverluste belaufen sich mittlerweile weltweit auf gut 500 Mrd. Dollar. Auch wegen des Zusammenbruchs der US-Investmentbank Lehman Brothers befürchteten Experten im dritten Quartal horrende Abschreibungen bei den Banken.

Allerdings ist derzeit noch umstritten, ob die Lockerung der Bewertung zu Marktpreisen das richtige Rezept ist, um wieder Vertrauen unter den Banken herzustellen. Marcel Tyrell, Finanzexperte an der European Business School, sieht noch viele ungelöste Detailfragen. So sei es kaum denkbar, dass alles zu den ursprünglichen Anschaffungswerten bilanziert werden kann, weil dies letztlich zu milliardenschweren Buchgewinnen führen würde, die Bilanzen wären kaum mehr vergleichbar. Auch müsse geklärt werden, ob die Aussetzung der marktnahen Bilanzierung dauerhaft oder vorübergehend sein soll. Auch könnte neue Unsicherheit unter den Marktteilnehmern entstehen. Statt größtmöglicher Transparenz gäbe es möglicherweise neues Verschleierungspotenzial, was neues Misstrauen schaffen könnte. Nach Ansicht von Branchenbeobachtern dürften von der Aufweichung der Bilanzvorschriften vor allem die Großbanken wie Deutsche Bank und UBS, aber auch die Landesbanken profitieren. "Alle, die noch in großen Umfang toxische Investmentprodukte im Portfolio haben, wären zunächst entlastet", sagte ein Analyst. Wertkorrekturen bei handelbaren Papieren wie etwa Pfandbriefen blieben bestehen.

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