Die Geschichte von Ernst Leitz
Mehr weiß als schwarz und ein bisschen grau

Ein Londoner Rabbi recherchierte 15 Jahre lang die Geschichte von Ernst Leitz, dem Vater der Leica. Er trat der NSDAP bei – und rettete vielen jüdischen Mitarbeitern das Leben. War Leitz ein zweiter Oskar Schindler?

WETZLAR. Eine Familie beim Picknick am Ufer der Marne; die Spiegelung einer Person, die über eine Pfütze springt; ein kleiner Junge mit einer großen Weinflasche unterm Arm, der dem Betrachter entgegenkommt – solche Fotos, Meisterwerke von Henri Cartier-Bresson, wollte Frank Dabba Smith auch machen. Mit der Kamera seines Vorbilds, einer schwarzen Leica. „Als Teenager hab ich Foto-Magazine verschlungen“, erzählt Smith, „und geträumt, Bilder wie Cartier-Bresson zu schießen.“ Einfache Motive, perfekt komponiert, zufällige Situationen, festgehalten in dem Sekundenbruchteil, der belanglose Fotos von denen eines Cartier-Bresson unterscheidet, eines der wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts.

Heute, fast 40 Jahre später, ist Frank Smith Rabbi in einer Londoner Synagoge. Fotografie ist sein Hobby geblieben. Und nun ist ihm auch etwas ähnlich Rares gelungen wie Henri Cartier-Bresson. Ein präzise komponiertes Bild, mehr weiß als schwarz, mit einigen Grauabstufungen, hier und da etwas unscharf.

Es ist das Bild des Leica-Vaters Ernst Leitz II. – allerdings nicht mit einer 1/250 Sekunde aufgenommen, sondern in 15 Jahre langer Recherche. Und nicht auf Film gebannt, sondern auf 52 Druckseiten eines kleinen Büchleins, herausgegeben vom Wetzlarer Geschichtsverein: das Bild eines Mannes, der zahlreichen Juden während der Nazizeit das Leben rettete.

Am Donnerstag stellte Smith seine Ergebnisse in Wetzlar vor – dort, wo Leitz in den 20er-Jahren die Fotografie revolutionierte, als er sagte: „Ich entscheide hiermit: Es wird riskiert.“ Die Leica-Kleinbildkamera ging in Serie – der Inbegriff der Qualitätskamera, deutsche Präzisionsarbeit, die bis heute eine Aura aus Tradition, Individualität und technischem Purismus umgibt.

So beiläufig und ungekünstelt Cartier-Bressons Bilder daherkommen, so bedächtig gibt sich auch Smith, ein großer Mann mit weichen Zügen und sanfter Stimme. Keine zugespitzten Vergleiche, keine pointierten Zusammenfassungen, nichts Sensationsheischendes. Leise schildert der Rabbiner die einzelnen Fälle, erzählt von den Familien Ehrenfeld und Steiner, von Alfred Türk und Paul Flohr, von Menschen, denen Ernst Leitz mit Geld und Papieren zu einer Ausreise in die USA verhalf, ihnen ein Versteck organisierte, zu ihren Gunsten vor Gericht aussagte, ihnen einen Job anbot oder Geld zukommen ließ.

Smith lässt die Fakten sprechen und die Überlebenden. Die haben ihm geholfen, fast 70 Fälle zu rekonstruieren, in denen Leitz Menschen vor dem Tod zu retten versuchte, seine privilegierte Position als Besitzer einer Fabrik, die kriegswichtiges Material herstellte, bis ins Letzte ausnutzte.

War Leitz nun ein zweiter Oskar Schindler, der 1 200 Juden das Leben gerettet hat? Smith lässt sich Zeit mit einer Antwort. Bernd Lindenthal vom Wetzlarer Geschichtsverein ergreift das Wort: „Einen Berührungspunkt zwischen den beiden hat es gegeben, ist doch auch Leitz posthum mit dem Preis ,Courage to Care’ ausgezeichnet worden.“ Eine Anerkennung der amerikanischen Anti Defamation League, die sich dem Kampf gegen Antisemitismus verschrieben hat. Der Preis ging auch an Schindler sowie Jan und Miep Gies, die Anne Frank und ihre Familie versteckten.

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