Management
„Die Globalisierung überfordert uns“

Der streitbare Managementberater und Jesuitenpater Rupert Lay (siehe: "Zur Person...") sprach mit "Handelsblatt Karriere" über Unredlichkeit und die Notwendigkeit einer globalen Ethik.

Professor Lay, sind die Betrugsfälle im Management - Stichwort Enron & Co - ein Indiz dafür, dass die Wirtschaft immer unmoralischer wird?



Nein. Es ist die Moral, die sich verändert hat. Früher verhielten sich die Menschen gemäß einer theologischen Moral. Die gilt heute nicht mehr, sie ist abgelöst worden von einer sozialen Moral. An Stelle Gottes ist die öffentliche Meinung getreten. Die sagt, was sozial vertretbar ist und was nicht. Nach dieser neuen Sozialmoral darf der Mensch alles, solange es nicht rauskommt. Ich nenne das die neue Unredlichkeit.



Das heißt, auch gesellschaftlich anerkannte Gebote wie „Du darfst nicht stehlen“ gelten nicht mehr?

Früher hieß es „Du darfst nicht stehlen“. Heute heißt es: „Du darfst nicht stehlen. Und wenn du erwischt wirst, wirst du bestraft.“ Das ist ein großer Unterschied.

Das Clevere siegt also über das Gute?

Ja. Die Enron-Manager haben einfach Pech gehabt, erwischt worden zu sein.

Klingt reichlich abgeklärt. Sind Sie ein Pessimist?

Nein. Ich freue mich in einer Zeit zu leben, in der so wenig äußere Zwänge ausgeübt werden wie sonst zu kaum einer anderen Zeit. Wir sind die erste Generation, die in Selbstverantwortung leben kann. Das erlaubt Führungskräften, auch Fremdverantwortung für ihre Mitarbeiter zu übernehmen. So werden die Unternehmen immer mehr zur Schule der Nation.

Wie können Führungskräfte denn Mitarbeiter motivieren, die keine Werte mehr haben?

Indem sie ihnen Werte nennen und vorleben. Ich vertrete die Biophilie-Maxime, die besagt „Handle stets so, dass du durch dein Handeln eigenes und fremdes Leben eher mehrst als minderst.“ Wenn Sie als Führungskraft junge Menschen einstellen, übernehmen Sie Verantwortung, die Sie nicht zu weit nach unten delegieren sollten. Ein Personalvorstand verliert doch nicht sein Ansehen, wenn er einmal in der Woche eine Stunde mit seinen Lehrlingen zusammensitzt und über das Leben spricht.

Dafür bleibt in wirtschaftlich schwierigen Zeiten häufig keine Zeit...

...sollte aber.

Gerät in der Krise die Ethik unter die Räder?

Nein, aber die Menge der ethisch Orientierten vermehrt sich nur langsam oder gar nicht mehr. Allerdings hängt das vom Managertypus ab. Manche glauben, in wirtschaftlich schlechten Zeiten ausbeuten zu müssen, was auszubeuten ist. Dieses Verhalten gibt es aber auch in guten Zeiten, doch in der Krise fällt es wahrscheinlich eher auf.

Liegt ein Problem darin begründet, dass sich Ethik nicht rechnen lässt?

Das stimmt nicht. Ethik ist geldwertig. Ethisches Handeln mindert nicht den Unternehmenserfolg, sondern mehrt ihn eher.

Ein Rechenbeispiel, bitte.

Es gibt drei Messgrößen, an denen ich die Reibungsverluste ausrechnen kann, die durch unethisches Führen zustande kommen. Das sind erstens Fehlzeiten, zweitens die Ausschussproduktion und drittens unerwünschte Unternehmenswechsel.

Wenn Unternehmen schlechte Betriebsergebnisse einfahren: Wie häufig liegt es an schlechter Führung, wie häufig an schlechten Mitarbeiterleistungen?

An erster Stelle liegt es an ungünstigen Marktverhältnissen und an zweiter Stelle am schlechten Management. Selten an schlechten Mitarbeitern. Ich kenne kein einziges Unternehmen, das eine Mehrzahl an schlechten Mitarbeitern hätte.

Passen Moral und erfolgreiche Führung überhaupt zusammen?

Ja, natürlich. VW war sicher unter der Führung von Ferdinand Piëch ein vorbildliches Unternehmen. Vor allem aber war für mich die Ciba in Basel ein gutes Beispiel. Die Firma hat einen Großteil ihres Bilanzgewinns in Drittweltstiftungen eingestellt.

Was ist für Sie erfolgreiche Führung?

Erfolgreich ist Führung, wenn die Aktionäre stolz darauf sind, dass ein Teil des Bilanzgewinns nicht an Sie ausgeschüttet wird, sondern an gemeinnützige Stiftungen.

Kann man führen lernen?

Nicht vollständig. Eine gewisse Disposition dazu ist wohl notwendig. Aber gutes Führen kann man lernen, wenn man führen kann.

Was zeichnet eine gute Führungskraft aus?

Man muss unterscheiden zwischen Führungskraft und Führungspersönlichkeit. Eine gute Führungspersönlichkeit berücksichtigt auch stets ethische Aspekte in ihren Handlungsentscheidungen, für eine Führungskraft zählen nur ökonomische und fachliche Aspekte.

Die häufigsten Fehler, die Sie beobachten?

Die reine Orientierung am Shareholder Value. So wird Arbeit zur Sklavenhalterarbeit.

Inwiefern?

Typisch für die Sklavenhaltersituation ist, dass Arbeit gekauft und verkauft werden kann. Beim Shareholder-Value-Konzept wird neben dem Unternehmen auch die Arbeit an die Kapitaleigner verkauft.

Harte Worte. Herr Lay, möchten Sie provozieren?

Vielleicht muss man provozieren, wenn die Mauern, die man einbrechen möchte, zu dick sind.

Wo sind die dicksten Mauern?

Bei Leuten, die so tun, als bestünde zwischen dem Heute und dem Früher kein Unterschied. Bei Leuten, die denken, dass man immer so weitermachen könnte wie gehabt. Das geht eben nicht. Wir leben in der Nachneuzeit, die geprägt ist von Ungewissheiten, Multioptionalität und Globalisierung.

Überfordert die Globalisierung die Führungskräfte?

Es ist viel schlimmer. Sie überfordert die Menschen. Alle Menschen im Unternehmen, nicht nur Führungskräfte, sondern auch Mitarbeiter und zum Teil auch die Kapitaleigner. Weil Globalisierung in aller Regel auch Entlassungen bedeutet und weil der ursprünglich verbesserte Bilanzgewinn meist nach zwei, drei Jahren ins Negative umschlägt. Wenn wir nicht eine Globalisierung der Ethik bekommen, wird die Globalisierung der Industrie in Unmenschlichkeit enden.

Wie könnte eine „Globalisierung der Ethik“ aussehen?

Die Idee ist, eine Weltethik aufzubauen, die in allen Völkern gleichermaßen gilt. Das geht auf Platon zurück. Schon er hatte versucht, die Weisesten in einem Staat mit den Rechten der Rechtsprechung auszustatten. Aber das ist natürlich utopisch. Auch bei Platon hat das nicht funktioniert.

Gibt es trotzdem Hoffnung auf eine bessere Zukunft?

Wer die Zukunft kennt, ist entweder ein Scharlatan oder ein Seher. Da ich weder das eine noch das andere bin, weiß ich über die Zukunft nichts. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass das Jahr 03 irgendwann in einen Wirtschaftsaufschwung münden wird.

Sie klingen trotzdem so reserviert...

Ich habe was gegen den Wirtschaftsaufschwung.

Warum?

Weil er die Umwelt noch stärker belasten würde. Deshalb bin ich der Meinung, ein idealer Staat würde das Wachstum limitieren, beispielsweise auf zwei Prozent. Alles was darüber hinaus ginge, sollte fortbesteuert werden. Für die Industriearbeiter würde das bedeuten, dass sie am Anfang noch fünf Tage arbeiten würden, zum Schluss nur noch einen Tag in der Woche, um die festgelegte Wertschöpfung zu erreichen.

Haben Sie für diesen Gedanken schon mal Befürworter gefunden?

(lacht) Nein, noch nie.

Fühlen Sie sich als einsamer Rufer in der Wüste?

Ja, in einer relativ großen Wüste.

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