Die großen Unternehmensberatungen suchen händeringend Top-Leute. Um sie zu bekommen, locken sie mit familienfreundlichen Karriereangeboten
Wenn es sein muss, auch mit Kindern

Wollen wir wirklich so leben? Da fragten sich Daniel Oriesek und seine Frau Romana im vergangenen Sommer. Sie: Inhaberin einer Massagepraxis in Zürich und im fünften Monat schwanger, er: erfolgreicher Consultant kurz vor dem Karrieresprung in die Geschäftsleitung der Beratung Booz Allen Hamilton. Zwölf Monate lang hatten sich beide nur an den Wochenenden gesehen, weil er ein Projekt leitete und meist im Hotel übernachtete.

„Nicht gerade die beste Voraussetzung für eine Familiengründung“, dachte sich der werdende Vater und sprach mit seinem Arbeitgeber.

Der reagierte prompt und bot dem 34-Jährigen statt des Beraterdaseins die Leitung des europäischen Recruitings bei Booz Allen an. Zwar ist Daniel Oriesek in seinem Innendienst-Job weiter viel unterwegs, aber wenigstens kann er abends seinen Sohn Enrico ins Bett bringen.

Daniel Oriesek steht für eine neue Generation von Nachwuchsberatern, die offen darüber reden, dass sie zwar Leistung bringen wollen, aber nicht bereit sind, dafür alles aufzugeben. Zumal die Aufstiegsmöglichkeiten rar geworden sind. Wer in den 90er-Jahren in das Consultinggeschäft einstieg, für den galt ganz klar das Up-or-out-Prinzip. Er wusste: „Alle zwei Jahre schaffe ich die nächste Beförderungsstufe. Spätestens in zehn Jahren bin ich Partner – oder eben draußen.“

Heute jedoch herrscht in vielen Beratungen Dauerstau auf dem Weg nach oben. Partner kann nur werden, wer lukrative Neukunden auftut oder das Geschäft mit Altkunden ausbaut. „Und da sind die Jagdgründe in Deutschland mit den Unternehmen aus dem Dax-30 und dem M-Dax stark begrenzt“, weiß Andreas Halin, Personalberater bei Spencer Stuart. „Mit der großen Karotte ‚Du kannst Partner werden', kann man nicht mehr winken, jetzt muss eben die kleine Karotte locken“, so Halin. Das heißt: „Du kannst Berater sein und bekommst trotzdem Zeit zum Leben.“

Neben Booz Allen entdecken immer mehr erste Adressen für Unternehmensberatung ihr Herz für Eltern und Kinder: Ende April eröffnete McKinsey seine weltweit erste Kinderkrippe in München. Roland Berger arbeitet an Teilzeitmodellen auch für Consultants in gehobener Position mit voller Projektverantwortung. Bei Bain – so heißt es - können alle Berater von heute auf morgen unbezahlten Urlaub nehmen – von einem Tag bis zu einem Jahr, ohne viel Bürokratie.

Dass McKinsey & Co. so hart daran arbeiten, Work-Life-Balance-Angebote wie das Sabbatical in Programme für Jedermann zu verwandeln, hat nur vordergründig mit Familienfreundlichkeit zu tun. Dahinter stecken harte, betriebswirtschaftliche Gründe: Den Unternehmensberatungen geht der qualifizierte Nachwuchs aus. Den aber brauchen sie gerade jetzt, wo das Geschäft wieder anzieht.

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