Die Hamburger Kaffeedynastie Tchibo
Der Familien-Clan zerfällt

Joachim Herz liebt die Ruhe und Abgeschiedenheit. Zurückgezogen lebt der Hamburger Multimillionär und einer der vier Brüder der steinreichen Familiendynastie Tchibo mit seiner Frau Petra in einer schlichten, im mediterranen Stil erbauten Villa im noblen Hamburger Elbvorort Blankenese.

HB HAMBURG. Große gesellschaftliche Auftritte und Presserummel meidet der vielreisende Geschäftsmann. Fotos von ihm und seiner Familie lehnt er ab.

Doch vergangene Woche gab der 61-jährige Manager erstmals seine hanseatische Zurückhaltung auf: Telefonisch meldet er sich bei einigen Zeitungsjournalisten. Emotional und mit leicht bebender Stimme erklärt er, dass eine der reichsten Familien Deutschlands mit einem geschätzten Vermögen von mehr als zehn Milliarden Euro zu zerfallen droht. Der einzige Ausweg: Seine Brüder Michael, 59, und Wolfgang, 52, kommen in letzter Minute zur Einsicht und widerrufen die geplante Trennung. „Es wäre die beste Lösung, wenn alles so bleibt wie es ist und die Tchibo Holding nicht auseinander bricht“, mahnt er seine Geschwister noch einmal eindringlich.

Es geht um viel: Der Tchibo-Konzern verfügt über ein beachtliches Vermögen. Er hält eine milliardenschwere Beteiligung an dem Hamburger Kosmetikriesen Beiersdorf (Nivea, Tesa, Hansaplast) und unterhält eine hochrentable Kaffeerösterei mit den Marken Tchibo und Eduscho. Auf den Konten schlummern zudem mehrere Milliarden Euro an Barmitteln aus dem Verkauf des Zigarettenimperiums Reemtsma.

Doch der Aufruf von Joachim Herz bleibt ungehört – die Brüder wollen nicht einlenken. „Das Tischtuch in der Familie ist zerschnitten. Die Fliehkräfte haben die Oberhand gewonnen“, sagt er jetzt dem Handelsblatt. Am heutigen Montag wird die Hauptversammlung der Tchibo Holding deshalb endgültig die Teilung beschließen. Die Geschwister Günter, 62, und Daniela Herz-Schnoeckel, 48, sollen aus dem Konzern ausscheiden. Sie werden in Form einer einmaligen „Mega-Dividende“ abgefunden. Die Summe: vier Milliarden Euro.

Damit verengt sich der Aktionärskreis der Tchibo-Dachgesellschaft auf Michael, Wolfgang und ihre 82-jährige Mutter Ingeborg. Denn Joachim Herz, der sich bislang seinen Brüdern Michael und Wolfgang eng verbunden fühlte, will sich nach der jüngsten Auseinandersetzung auch aus der Holding zurückziehen: „Mein Wunsch ist es, den Kreis um Michael Herz zu verlassen, da ich mich hier nicht mehr wohl fühle“, kündigt er an.

Streit begann mit dem Tod von Max Herz

Ursprünglich begannen die Zankereien im Familienclan der Herzens bereits 1965 nach dem Tod des Familienoberhaupts Max Herz. Der geschäftstüchtige Vater hatte kein eindeutiges Testament hinterlassen und seine Nachfolge nicht klar geregelt. Zudem verteilte er den bereits damals milliardenschweren Nachlass nach dem Gießkannenprinzip. Die Folge: Viele der Erben neideten den anderen ihren zugesprochenen Besitz. Lange Zeit verkehrten deswegen die Familienmitglieder nur über ihre Anwälte.

Zum Eklat kam es allerdings Ende 2000. Damals versagte der von Michael, Wolfgang und Joachim dominierte Tchibo-Aufsichtsrat Bruder Günter die Verlängerung seines Vertrags als Vorstandsvorsitzender. Der Grund: Günter Herz, der als Schnelldenker gilt, als Mann mit rascher Auffassungsgabe und unternehmerischem Feinsinn, wollte die Holding an die Börse führen. Doch seine Brüder wollten nicht mit. Frustriert musste der Älteste sein Amt räumen.

Drahtzieher war vor allem Michael Herz. Zwar stemmte sich der drittälteste Bruder formal gegen die Börsenpläne – tatsächlich hatte er aber nichts gegen die Idee. Vielmehr wollte er seinen Bruder nur in die Schranken weisen – ein Machtspielchen. Michael war sauer darüber, dass Günter mehr als 35 Jahre den Vorsitz innehatte und nicht bereit war, ihn wenigstens ein paar Jahre ans Ruder zu lassen.

Zuweilen selbstherrlicher Führungsstil

Zum Argwohn der Brüder steuerte Günter außerdem zuweilen selbstherrlich den Konzern. Das bekamen auch die Mitarbeiter häufig zu spüren. So tauchte der äußerst um ein akurates Äußeres bemühte Günter einmal völlig unerwartet im Hauptquartier der damaligen Tchibo-Tochter Reemtsma auf und fragte, wie viel Geld der Hersteller von West & Co. für Bleistifte ausgab. Ratlos schauten sich die Vorstände an. Doch Herz, für seine übertriebene Sparsamkeit bekannt, ließ nicht locker: „Ich bin noch bis 13 Uhr hier. Um zwölf Uhr will ich wissen, wie viel Mark sie für den Einkauf der Bleistifte ausgeben.“ Wie kleine Schulbuben vorgeführt, müssen die Vorstände später gestehen, dass Reemtsma fast das 30-fache für die Stifte bezahlte als die Kaffeetochter Tchibo.

Auch die Brüder litten immer wieder unter seiner selbstherrlichen Art – beispielsweise 1997. Damals fädelte der langjährige Tchibo-Boss die Übernahme des Kaffee-Konkurrenten Eduscho ein, ohne den Mega-Deal mit seinen Brüdern abzustimmen. Kaufpreis: 200 Millionen Euro.

Nun haben Michael Herz & Co. endgültig einen Schlussstrich unter die Ära von Günter Herz gezogen. Dennoch ist Joachim Herz über die Trennung unglücklich. Denn es ist unklar, was jetzt aus den Resten des Familienimperiums wird. Vor allem macht sich der Hamburg verbundene Manager Sorgen um das Schicksal der rund 18 000 Mitarbeiter von Beiersdorf.

Während er selbst vom „Wohlstand gesegnet“ ist, wie er sagt, blicken viele Arbeitnehmer des weltweit tätigen Kosmetikriesens unsicheren Zeiten entgegen. Denn eins steht für ihn fest: Sollten die neuen Tchibo-Eigner den Beiersdorf-Anteil in andere Hände geben, stünden rund 5 000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Joachim Herz klagt: „Das habe ich nicht gewollt.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%