Die Köpfe des Jahres 2004
Porträt: Das Leben ist hartz

Sein Name gilt vielen Deutschen seit diesem Jahr als Synonym für Sozialabbau. Doch wer ist Peter Hartz wirklich?

FRANKFURT. Der Saarländer hat auswärts immer Heimweh. Kein Wunder, dass er es nicht zur Weltläufigkeit bringt. Dabei ist er bei sich selbst und braucht nicht außer sich zu sein, wie die entfremdeten Weltläufigen", schreibt der Schriftsteller Ludwig Harig über seine Landsleute.

Peter Hartz ist Saarländer, doch er ist eine Ausnahme: Er ist weltläufig - und außer sich war er im vergangenen Jahr öfter als einmal. Denn der 63-Jährige ist verärgert. Er hat es in diesem Jahr zu großer Berühmtheit gebracht, doch nicht zu Glorie. Und auch weniger die Person als sein Name.

Vor drei Jahren hatte sich der überzeugte Sozialdemokrat Hartz auf ein Spiel eingelassen, ohne sich der Regeln bewusst zu sein. Lange hat es gedauert, bis er 2004 feststellen musste, dass er dabei den Schwarzen Peter gezogen hat.

"Hartzlos" steht auf einem Plakat, das die neuen Montagsdemonstranten ab dem Sommer durch die deutschen Städte tragen, auf anderen steht: "Das Leben ist hartz". Hartz, besonders mit dem Zusatz IV, das ist für sie Synonym für Sozialabbau und für Kapitalismus der übelsten Art. Und den Namensgeber identifizieren sie automatisch als die reinkarnierte Ungerechtigkeit.

Als wäre das noch nicht genug gewesen an Last und Bürde, musste er als VW-Personalvorstand im Herbst des Jahres auch noch eine heikle Tarifauseinandersetzung im eigenen Konzern lösen. Auch das eine Aufgabe, die weit über die Grenzen des VW-Reichs hinausragte, blickte doch die gesamte Autoindustrie nach Wolfsburg, um zu sehen, wie Peter Hartz, dieser Reformgeist, mit jener Herausforderung umging.

Jeder in Deutschland, nicht nur die Autobranche, kennt inzwischen seinen Namen. Den Mann, der ihnen "den ganzen Mist" eingebrockt haben soll, kennen indes nur die wenigsten. Gegen ihn beziehungsweise das Konzept, das seinen Namen trägt und die Zusammenführung von Arbeitslosen und -Sozialhilfe beinhaltet, stehen alle auf, die sich irgendwie als Verlierer sehen. Organisiert von Gruppierungen quer über das politische Spektrum, die glauben, aus amorpher Unzufriedenheit Profit schlagen zu können. Hartz IV entzweit die Nation.

Und was macht der Mann, den die Wut trifft? Er schweigt beharrlich dazu und macht sich rar - das ganze Jahr über. Nur einmal lässt er sich im Frühjahr zu einer Bemerkung hinreißen: "Nicht überall, wo Hartz draufsteht, steckt auch Hartz drin." Basta! Fragen quittiert der bis dato erfolgsverwöhnte Manager je nach dem Grad der Provokation mit genervt verzerrtem Gesicht oder einem müden Lächeln. Der Gentleman Hartz, stets korrekt gekleidet und freundlich, schweigt und ärgert sich. Darüber, dass er den Kopf für etwas hinhalten muss, was nur noch bedingt dem entspricht, was sein Kopf ersonnen hat. Denn dass die Hartz-Reformen nur noch entfernt etwas mit seinen Ideen zu tun haben, bescheinigen ihm selbst die Kritiker.

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