Die Würth-Dynastie setzt auf eine Frau
Nicht nur Töchterle

Mit einem Lächeln erscheint eine kleine, drahtige Person im Türrahmen und bittet den Gast mit größter Liebenswürdigkeit in ihr Büro: "Setzen Sie sich, bitte." Sie ahnt Schlimmes: "Oh Gott, jetzt muss ich einen guten Eindruck machen." Über ihr Leben und die verschlungenen Wege, auf denen sie Vorsitzende des Beirats des schwäbischen Schraubenriesen Würth mit sieben Milliarden Euro Umsatz und über 50 000 Mitarbeitern wurde, spricht sie zögernd, wählt vorsichtig die Worte.

Bettina Würth, 44, konnte alles werden - allerdings nur in einem Betrieb, der Würth heißt. Für eine andere Karriere fehlte ihr die entsprechende Vita: Sie hat nicht studiert, war weder in Harvard noch Fontainebleau.

Nach mitterer Reife, ein paar Jahren im Internat und einer für das bürgerliche Elternhaus wilden Zeit in München holte Vater Reinhold Würth sie 1984 zurück ins schwäbische Künzelsau.

Bis dahin war ihr Leben sorglos verlaufen - sie lebte in einer Wohngemeinschaft und arbeitete einige Jahre als Kindergärtnerin. In dieser Zeit lernte sie viel über Kreativität, Naivität, Unvoreingenommenheit. Sie verlor den Respekt vor Theorien, Titeln und pseudowissenschaftlichem Gehabe. Das kam ihr später in der Männerwelt des Vaters zugute.

Reinhold Würth, der heute 70-jährige Firmenpatriarch, hatte 1954 von seinen Eltern Adolf und Alma eine Handlung für Schrauben, Muttern und Nägeln über- » nommen. In nur 50 Jahren machte er aus dem Zwei-Mann-Laden einen Weltkonzern, in dem Tochter Bettina nun schon seit 22 Jahren arbeitet - in immer wieder neuen Positionen. Zur sonnengebräunten, tatenlosen Erbin taugt sie nicht. Seit März steht sie an der Spitze des Beirats, eines Kreises externer Rechtsanwälte, Steuerberater und Vorstände befreundeter Familienunternehmen, der die Firma im Sinn der Familie steuert. Ihr Vater will kürzer treten und sich künftig im Hintergrund halten.

Das Unternehmen mit dem stilisierten, knallroten Schraubenkopf, der fast wie ein Wappen aussieht, ist ein Imperium der Werkzeugkultur. Im weithin sichtbaren Hochregallager im Hohenloher Land, 20 Kilometer nordöstlich von Heilbronn, liegen alle Arten von Schrauben in den Magazinen auf Vorrat - von normalen Sechskant- und Ankerschrauben, Spezialschrauben mit - laut Prospekt - "perfektem Kraftangriff" , Gewinde vom Typ "Assy" bis hin zu Streck- und Quetschverbindern.

Dazu liefert Würth alles, was der Handwerker sonst noch so braucht: Schraubendreher, Bohrmaschinen und Geräte zum Ausbeulen von Blech, aber auch Putzmittel, Arbeitsschutzbekleidung und sogar Augenduschen für Tischler, denen bei der Arbeit Späne ins Auge geflogen sind. Insgesamt 100 000 verschiedene Artikel und Ersatzteile werden von Künzelsau aus an Handwerksbetriebe und Autowerkstätten geliefert, 19 000 Aufträge täglich bearbeitet. Würth nennt sein Unternehmen stolz der "Montageprofi". Sein Geschäftsprinzip: Statt auf Kunden zu warten, geht er auf sie zu. Mehr als 27 000 Vertreter besuchen regelmäßig 2,8 Millionen Kunden, 400 000 davon in Deutschland.

Mit Erfolg: Reinhold Würth gilt mit einem geschätzten Vermögen von fünf Milliarden Euro als einer der acht reichsten Deutschen. Seine Kunstsammlung wird gerühmt. Kein Wunder, dass auch die Erwartungen an seine Tochter groß sind. In Künzelsau wird Bettina Würth die "Schraubenprinzessin" genannt.

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