Dienstleistungsjobs jeder Art rutschen in die Schusslinie
Hinterm Zaun ist das Gras grüner

Prozesse verlagern ins Ausland ist bei Managern beliebt, doch Kostensenken zuhause bringt meistens mehr.

Was sich Mitte Juli im indischen Bangalore abspielte, blieb der deutschen Öffentlichkeit fast völlig verborgen. Dabei war die Rede des eigens angereisten Deutsche-Bank- Managers Wolfgang Gärtner dazu geeignet, bei den Mitarbeitern im heimischen Frankfurt sämtliche Alarmglocken schrillen zu lassen. Anlässlich der Gründung des Tochterunternehmens Deutsche Network Services lobte Gärtner „die hohe Qualität und Kosteneffizienz“ der Arbeit in Indien. Mit zunächst 50 Mitarbeitern will die Deutsche Bank hier Überweisungen aus aller Welt bearbeiten, in den kommenden Jahren soll die Zahl der Angestellten noch um ein Vielfaches steigen. Den Bankern daheim in Frankfurt sollte Angst und Bange werden. Überweisungen werden zunehmend statt in Deutschland im – billigeren – Indien bearbeitet.

Hoch bezahlten deutschen Arbeitnehmern beschert das Beispiel eine bittere Erkenntnis: Die Globalisierung macht vor bisher sicher geglaubten Anzugträger-Jobs nicht Halt. Selbst die beste Qualifikation schützt nicht mehr vor Arbeitslosigkeit durch die Auslagerung des eigenen Jobs in Billiglohnländer. „Die größte Welle steht vielen Branchen noch bevor“, prophezeit Stefan Eikelmann, Partner der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton in München. Denn viele Manager zeigen sich unbeeindruckt von dem Ärger, den sie mit ähnlichen Projekten in der Vergangenheit hatten.

Die Gangart verschärft sich jetzt gleich doppelt. Erstens lagern Unternehmen wie die Deutsche Bank erstmals Arbeiten aus, die bisher verschont blieben. Bisher wurden Industrieproduktionen und Softwareentwicklungen ausgelagert. Doch jetzt rücken auch Dienstleistungsjobs jeder Art in die Schusslinie.

Offshoring statt Outsourcing

Zweitens liebäugeln Konzernbosse zunehmend damit, die Jobs gleich ins billigere Ausland zu verlagern – Offshoring –, statt sie nur an externe Dienstleister auszugliedern – Outsourcing. „Die Idee einer radikalen Verlagerung ins Ausland wird populär“, urteilt Andreas Pratz von der Unternehmensberatung A.T. Kearney aus München.

Mehrere Konzerne machen es schon vor. Infineon hat seine Buchhaltung nach Portugal verlegt, um Kosten zu sparen. Lufthansa lässt die Abrechnung in Indien erledigen und zentralisiert das Rechnungswesen für das europäische Ausland in Polen. Berater schwärmen von Sparpotenzialen über 50 Prozent der Kosten. „Die Unternehmen wollen so ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern, um in Deutschland andere Arbeitsplätze zu erhalten“, versucht Klaus- Heiner Röhl vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln den Fluchtreflex zu erklären.

Berater zweifeln, ob dieses Argument stichhaltig ist. Denn die Produktivität von Aufgaben steigt nach dem Outsourcing nur dann, wenn das Unternehmen sie zuvor vernachlässigt hat. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle, noch unveröffentlichte Studie des Kölner Unternehmensberaters Klaus Leciejewski, der die 130 größten deutschen Unternehmen untersucht hat. „Das Outsourcen ganzer Abteilungen in Großunternehmen hat nur eine Ursache: Einfallslose Manager“, schimpft Leciejewski. Sparen lässt sich auch in Deutschland. Das Muster ist immer dasselbe: Weil es alle gerade so machen, kann der einzelne Manager ja nichts falsch gemacht haben.

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