Dieter Spethmann
Kein Ruhrkönig

Am Montag wird Dieter Spethmann 80 Jahre alt. Der langjährige Vorstandsvorsitzende der Thyssen AG regierte von 1973 bis 1991 mit einer Strenge und Präsenz, die von vielen als autokratisch (miss)verstanden wurde.

HB DÜSSELDORF. Dieser Mann mischt sich ein, immer noch und immer wieder, hartnäckig und streitlustig. Ob aus Düsseldorf oder aus seiner zweiten Heimat New York, Dieter Spethmann meldet sich zu Wort. Mit seinen im Freundeskreis längst legendären Rundbriefen, mit Artikeln im Handelsblatt und anderswo, mit Briefen an die Bundeskanzlerin – oder sogar mit seiner eigenen Homepage www.eurospethmann.de.

Der langjährige Vorstandsvorsitzende der Thyssen AG streitet gegen den Verlust nationaler Souveränität und gegen die Euro-Kratie, für die Rückkehr zur freien Marktwirtschaft und für moderne Technologien wie den Transrapid, als dessen eigentlichen Erfinder man ihn bezeichnen kann.

Als Unternehmer regierte Spethmann von 1973 bis 1991 mit einer Strenge und Präsenz, die von vielen als autokratisch (miss)verstanden wurde. Aber in dem „Ruhrkönig“, wie man ihn in seiner aktiven Managerzeit nannte, steckte in Wahrheit von Anfang an ein Citoyen: ein Bürger im besten Sinne, der für seine politischen Überzeugungen kämpft. Seit Spethmann als Jura-Student in Bonn per Zufall in die Beratungen des Parlamentarischen Rats geriet, liebäugelte das CDU-Mitglied immer wieder mit einer Karriere als Berufspolitiker. An Angeboten mangelte es nicht, aber am Schluss war ihm seine materielle Unabhängigkeit wichtiger als ein politisches Mandat.

Über seine Nachfolger und sein einstiges Unternehmen, das sich ihm über die Jahre ohne sein eigenes Zutun merklich entfremdete, redet Spethmann niemals ein schlechtes Wort. Auch von seinen eigenen Leistungen als Vorstandsvorsitzender macht er nicht viel Aufheben. Niemals käme es ihm beispielsweise in den Sinn, Managementbücher zu verfassen. Viel lieber schreibt Spethmann an seinen bisher unveröffentlichten Memoiren, die eine tiefe Einsicht in die Nachkriegsgeschichte Deutschlands vermitteln. Ob Konrad Adenauer oder Hermann Josef Abs, Ludwig Erhard oder Alfred Herrhausen: Spethmann kannte sie alle aus allernächster Nähe und weiß viel Ungehörtes und Unerhörtes über sie zu berichten.

Jean-Paul Sartre sagte einmal über sich selbst, sein ganzes Leben sei Schreiben gewesen. Dem nimmermüden Citoyen Spethmann, der sich schreibend und einmischend geistig frisch erhält, dürfte dieser Satz gefallen, auch wenn er von seinem Autor möglicherweise nicht allzu viel halten sollte. Am 27. März feiert der gebürtige Essener mit seiner Familie seinen 80. Geburtstag. bz

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